Online-Ausstellung

Kontinuität rechten Terrors in Sachsen seit 1990

1995, Wurzen

„So ziemlich alle Jugendtreffs, Kneipen und Diskotheken, so es noch welche gibt, sind von Nazis besetzt.

Die NPD, ... , spricht später davon, dass man es geschafft habe in Wurzen eine „national befreite Zone“ zu schaffen und der Kampf um die Straße und um die Köpfe gewonnen sei.

CDU-Bürgermeister Anton Pausch wies stets jedwede Anfrage von Medien zurück: „Ihm sei nicht bekannt, dass es in Wurzen eine rechtsradikale Szene gäbe“.“

Redebeitrag

Wurzen, vor knapp 30 Jahren. Anfang/ Mitte der 90er.

So ziemlich alle Jugendtreffs, Kneipen und Diskotheken, so es noch welche gibt, sind von Nazis besetzt. Das heißt die, die keine sind, sind Punks, Alternative, Linke, Geflüchtete und Migrant*innen, haben dort keinen Zutritt und laufen richtig Gefahr an diesen Orten angegriffen und verletzt zu werden. Was spätestens seit 1991 auch regelmäßig passiert.

Die NPD, die über die Wikingerjugend, die Aktion Neue Rechte Muldental, den Wurzener Volkssturm in der Mitte der 90er in Wurzen Fuß gefasst hat, spricht später davon, dass man es geschafft habe in Wurzen eine „national befreite Zone“ zu schaffen und der Kampf um die Straße und um die Köpfe gewonnen sei. Tatsächlich steht Wurzen zwischen 1994 und 1999 auf der Kippe. Es gibt 1995/96 ein „Nationales Zentrum“ der NPD in der Käthe-Kollwitz-Straße, ein stillgelegtes Fabrikgelände ausgebaut zur Festung mit Stacheldraht, Beobachtungsposten, Wachhunden und einem Konzertsaal, in dem schon mal 300 Nazis grölen können: „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig! / Lasst die Messer flutschen in den Judenleib! Es gibt Mitschnitte.

1996 spricht Sachsens damaliger Verfassungsschutzpräsident „vom derzeit wohl wichtigsten Zentrum der Neonazis in Deutschland.“ Die Festung wird zwar daraufhin geräumt, mehr passiert aber auch nicht. Der Staat, die Stadt und die Politik haben versagt. CDU-Bürgermeister Anton Pausch wies stets jedwede Anfrage von Medien zurück: „Ihm sei nicht bekannt, dass es in Wurzen eine rechtsradikale Szene gäbe“. Berichtet wurde da allerdings bereits bundesweit über das ZDF, Panorama, Monitor, der MDR und die Taz sogar die New York Times. Auch sie wurden angegriffen. In Wurzen will man davon nichts wissen. Es werde aufgebauscht und Wurzens Image geschädigt.

Nur knapp entkommen mindestens zwei Jugendliche dem Tod bei mehreren Angriffen. Einem wird im Januar 1995 ein sogenanntes Bolzenschussgerät an die Schläfe gehalten und abgedrückt, nachdem man ihn brutal zusammengetreten hat. Er wird schwer verletzt! Der Eintrag in der Chronik lautet: „Die Polizei sieht den Vorfall aus nächster Nähe, greift aber erst später ein und unterhält sich mit den Angreifern ziemlich intim und vertraut, ohne deren Personalien aufzunehmen. Einer der Angreifer ist der spätere Wurzener NPD-Chef Müller. Der Verletzte bittet die Polizei um Hilfe, die verweigern sie ihm jedoch mit der Begründung, er würde ihnen die Sitze im Auto schmutzig machen, da er blutet. Er liegt mehrere Wochen im Krankenhaus.“

Bereits im November 1994 wird ein Punk von acht bis zehn Nazis so schwer misshandelt, dass er bewusstlos liegenbleibt und von den eigenen Freunden, die auch massiv geschlagen wurden, während deren Flucht mit dem Auto fast überfahren wird. Alle hatten Glück. Sie wurden „nur verletzt“, wenn auch sehr schwer. Genau wie vielen anderen Opfern des Nazisterrors in jener Zeit. Nur wenige Täter werden ermittelt und bestraft. Wie wir damals schon ahnten und heute wissen, gibt es Mitte der 90er Polizeibeamte, die Nazis mit Infos wie z.B. über bevorstehenden Durchsuchungen warnen. Sie nehmen die Anzeigen nicht auf, ignorieren Hilferufe und treffen bewusst zu spät an Tatorten ein. Konsequenzen hatte das alles nicht.

Erschreckend ist, dass es in der seit 1991 geführten „Chronik neonazistischer Vorfälle im Muldental“, dazu gehört auch Wurzen, zu lesen ist. Erschreckend auch, weil sie fast 150 Seiten hat. Arial, 10er Schrift in Tabellenform mit Datum und Vorfall. Erschreckend vor allem, weil doch im Grunde eigentlich gar nicht wahr sein kann, was alles geschehen ist!

Wie viele Opfer es gab! Wie wenige Täter überführt wurden! Wie man es überhaupt aushalten konnte in dieser Stadt. Wie man es aushalten konnte, sich jahrelang mit großer Vorsicht zu bewegen, Umwege zu gehen, um keinen Nazis in die Arme zu laufen. CS-Gas oder einen Knüppel in der Jacke oder unterm Autositz zu haben. Wie Sicherheit überhaupt funktionierte, die einem der Staat vorenthielt: Handys gab es ja kaum.

Es wurde eben selber „Streife“ gefahren.
Es wurde Polizeifunk abgehört, um vielleicht zu erfahren, wo sich gerade Nazis treffen.
Es wurde recherchiert, wo Nazis wohnen.
Es wurde Kontakt und Hilfe in Leipzig gesucht und Häuser besetzt, um endlich selbst einen Platz, als WG oder Treff oder für Jugendkultur zu haben.

Die Nazis hatten ja schon alles. Sie wurden oft genug für ihre Taten belohnt. Sie bekamen z.B. mal nach einem massiven Überfall mit Verletzten einen Jugendtreff von der Stadt „geschenkt“, mit einem Sozialarbeiter, damit sie unter Kontrolle sind und keine Dummheiten mehr machen können. Machte der abends zu, hagelte es wenig später Angriffe. Ein Schlag in Gesicht der Opfer. Sprichwörtlich!

Später sitzen die Angreifer einige Jahre im Stadtrat, in der NPD-Fraktion. Zwar verschwindet die Partei Anfang der 2000er aus Wurzen, die Nazis aber bleiben. Weniger organisiert vielleicht, aber sicht- und spürbar. Als Eltern, Trainer, Unternehmer, Gastronomen.

Strukturen wachsen nach und treten in die braunen Fußstapfen. Das Naziimperium um „Front Records“ hat die Jahre nach 2005 die Stadt gut im Griff. Die „Terror Crew Muldental“, gegen die wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt wurde, machte ihrem Namen alle Ehre. Es gibt Tattoo Shops, Auto- und Motorradwerkstätten, Bars und Kneipen und wahrscheinlich demnächst eine Diskothek. Die Einzige in Wurzen.

Scheinbar hat das Netzwerk von Nazihooligans, Kampfsportlern, Motorradgangs, Drogendealern, Türstehern, Prostitution, Schutzgelderpressung und Eventgastronomie die rein politische und ideologische Arbeit verdrängt. Aber eben nur scheinbar.

Nazikampfikone Benjamin Brinsa sitzt im Stadtrat. Gleichzeitig etabliert sich seit 2017 eine neue gewalttätige Nazikameradschaft mit äußerst guten Verbindungen ins beschrieben Netzwerk. Es gibt eine Menge zu tun für die antifaschistische Zivilgesellschaft.

Daran gewöhnt man sich aber. Zumindest in Wurzen.

Wurzen1- NSU-Tribunal 2019.png
Wurzen2- NSU-Tribunal 2019.png

Danksagungen

Die Ausstellung wurde finanziell durch die Deutsche Postcodelotterie unterstützt.

Diese Künstler*innen waren an der Gestaltung beteiligt:

Ton,- Videoaufname, Schnitt: Gerog Spindler und Annett Schudeja, https://binario-stern.de

Grafic Recording: Julia Kluge, http://www.kluugel.de

Gestaltung Stellwände und Desingvorlage für Website: Norma Scheibenhof, https://www.kollektivdesign.com

Programmierung und Gestaltung website: Afeefa Kollektiv

Die Veranstaltung war möglich im Rahmen des NSU Tribunal. https://www.nsu-tribunal.de