Rechtsmotivierte, rassistische und antisemitische Gewalt in Sachsen 2025
Die Opferberatungsstellen in Sachsen verzeichneten 292 rechtsmotivierte Angriffe – ein Rückgang um 11 % im Vergleich zu 2024. Mit 456 waren zehn Menschen mehr direkt betroffen. Im Langzeitvergleich der letzten 15 Jahre bleiben die Gewalttaten auf hohem Niveau. Weiterhin sind gewaltbereite neonazistische Gruppierungen vielerorts im Stadtbild präsent und binden z.T. sehr junge Personen an sich. Sichtbar wird aber auch: Die verschiedenen lokalen Umgangsweisen damit haben einen großen Einfluss.
Wie wir zählen
Eine Aufnahme in diese Statistik erfolgt durch die Beratungsstellen, wenn ausreichend Informationen zu einem Fall vorliegen, die eine Einordnung nach Definition ermöglichen. Die Hinweise zu Angriffen erlangen die Beratungsstellen u.a. über die Betroffenen, Angehörige, Netzwerkpartner*innen vor Ort, Polizeimeldungen oder Nachfragen bei der Polizei, Presseartikel sowie monatliche Kleine Anfragen im Landtag zur „Politisch motivierte Kriminalität rechts“ (PMK-rechts). Eine Zählung nach Hören-Sagen erfolgt nicht.
Mehr dazu: https://www.raa-sachsen.de/support/statistik/wie-wir-zaehlen
Die Statistik für die Stadt Leipzig ist in Kooperation mit der Opferberatung der RAA Leipzig e.V. entstanden.
Die Opferberatungsstellen in Sachsen verzeichneten 292 rechtsmotivierte Angriffe – ein Rückgang um 11 % im Vergleich zum Vorjahr. Mindestens 456 und damit zehn mehr Menschen waren dabei direkt betroffen. Der leichte Rückgang relativiert sich deutlich, weil im Kommunal- und Landtagswahljahr einige Angriffe im Zusammenhang mit dem damaligen Wahlkampfgeschehen standen. Die Angriffszahlen sanken also nur leicht, während etwas mehr Menschen direkt betroffen waren. Das seit 2022 wieder ansteigende Niveau der rechtsmotivierten Gewalttaten bleibt hoch.
Mindestens 235 der im Jahr 2025 durch die Beratungsstellen erfassten 292 Angriffe sind polizeilich bekannt, während 33 Fälle nicht angezeigt worden. In 24 Fällen liegen uns dazu keine Informationen vor. Der Anteil der polizeibekannten Fälle lag in diesem Jahr auf einem ähnlich hohen Niveau wie in den Vorjahren. 153 dieser Fälle waren nach den jeweiligen Angaben des Innenministeriums als „PMK rechts“ gewertet worden.
Junge, gewaltbereite Neonazis
Im Jahr 2025 setzte sich die immer wieder auch mit Gewalt einhergehende Präsenz junger Neonazis im öffentlichen Raum fort, so in Chemnitz, Bautzen, Zwickau oder Taucha. Seit über drei Jahren hat die Reorganisierung neonazistischer Strukturen durch so genannte Kameradschaften und Kleinstparteien stark zugenommen. Die Opferberatungsstellen warnten vor allem vor deren erfolgreicher Gewinnung z.T. sehr junger Anhänger*innen. In zahlreichen sächsischen Städten fallen seit mehreren Jahren Gruppierungen mit hoher Gewaltbereitschaft auf, wie z.B. „Revolte Chemnitz“, „Urbs Turrium“ in Bautzen oder „Terrorcrew Taucha“.
Die zunehmende Radikalisierung junger Neonazis zeigte sich auch im Jahr 2025. Nachdem die Bundesanwaltschaft im November 2024 gegen die „Sächsischen Separatisten“ als rechtsterorristische Vereinigung vorging, gegen die aktuell am Oberlandesgericht Dresden verhandelt wird, war es im Jahr 2025 die sogenannte „Letzte Verteidigungswelle“, die als jüngste, mutmaßliche rechtsterroristische Vereinigung Bezüge nach Sachsen aufweist. Verhandelt wird aktuell gegen acht Beschuldigte, einer davon aus dem Freistaat, vor dem Oberlandesgericht Hamburg. Am 17.03.2026 führte das Bundeskriminalamt weitere Durchsuchungen im Zusammenhang mit diesem Verfahren durch, erneut auch in Sachsen: in Dresden, im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, im Vogtlandkreis sowie im Landkreis Zwickau.
Mehr dazu:
Pressemitteilungen Generalbundesanwaltschaft: 17.03.2026; 28.05.2025; 21.05.2025
Betroffene, Straftatbestände und Angriffsorte
Von denjenigen Betroffenen, bei denen das Alter bekannt ist, waren 27 % minderjährig, davon auch 24 Kinder. Seit 2019 ist der Anteil Minderjähriger unter den dokumentierten Betroffenen um 52 % angestiegen. Hier werden gesellschaftliche Prozesse der Verrohung durch ideologische Einflüsse besonders sichtbar. In Fällen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit liegt die Hemmschwelle zur Gewalt oft niedriger.
25.02.2025, Grimma (Landkreis Leipzig): Ein 22-jähriger Deutscher beleidigte zunächst ein Kind und einen Jugendlichen, zeigte den Hitlergruß, skandierte rechte Parolen und schlug schließlich auf eine 51-jährige Passantin ein. Die alarmierte Polizei leitete in der Folge Ermittlungen wegen Körperverletzung, dem Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen sowie Beleidigung gegen den Mann ein.
16.05.2025, Torgau (Landkreis Nordsachsen): Vier Jugendliche wurden von einer Mädchengruppe (etwa 12/13 Jahre alt) zunächst rassistisch beleidigt. Dann wurde eine der Jugendlichen geschlagen und an den Haaren gezogen. Es wurde rassistische Musik angemacht. Eine weitere Jugendliche (17 Jahre) wurde mit einem Messer am Zeigefinger verletzt.
155 oder 53 % der Angriffe waren Körperverletzungen, davon 41 % gefährliche, 58 % einfache und 1 % Körperverletzungen im Amt. Die Zahl der Nötigungen und Bedrohungen ist 2025 erneut gestiegen – von 114 auf 119 Fälle, ebenso die der massiven Sachbeschädigungen von eins auf sieben. Die Opferberatungsstellen sehen darin Anzeichen dafür, dass sich in einigen Regionen sogenannte rechte Dominanzräume herausgebildet haben – also Orte, an denen Menschen, die nicht ins Weltbild passen oder der extrem rechten Ideologie nicht unwidersprochen folgen, durch Einschüchterung, Bedrohung oder Gewalt daran gehindert werden, sich frei und sicher im öffentlichen Raum zu bewegen oder zu äußern. Diese werden im Zuge der rechten Raumnahme mit Gewalt durchgesetzt bis dann die bloße Androhung der Gewalt für diesen Effekt ausreicht. Darüber hinaus haben auch sonstige Gewalttaten zugenommen, von zwei auf neun Fälle. Dazu gehören bspw. Landfriedensbruch oder Raub.
09.01.2025, Leipzig: In einer Straßenbahn setzte sich ein Mann in neonazistischem Bekleidungsstil auf einen Platz gegenüber einer schlafenden, augenscheinlich wohnungslosen Person und begann diese zu fotografieren. Als Fahrgäste ihn daraufhin aufforderten, dies zu unterlassen, äußerte er sich sozialdarwinistisch über die schlafende Person, beleidigte und bedrohte die anderen Mitfahrenden.
24.01.2025, Chemnitz: Wie Zeug*innen berichteten stürmten gegen 22 Uhr etwa 20 vermummte Angreifer auf die Bar "Balboa" zu und attackierten zwei Personen, die vor der Bar standen. Beide Betroffenen erlitten bei dem Angriff Verletzungen. Polizistinnen, die zufällig vor Ort waren und den Angriff beobachteten, schalteten daraufhin das Blaulicht ein, was die Täter zur Flucht veranlasste. Ein Tatverdächtiger konnte in der Folge noch vor Ort gestellt werden, sechs weitere Personen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren im näheren Umfeld der Bar. Die Polizei sucht nach weiteren Tatbeteiligten und ermittelt wegen besonders schwerem Landfriedensbruch.
25.05.2025, Lohsa (Landkreis Bautzen): Nachdem eine Person rechte Aufkleber im Ort zu entfernen versucht hatte, wurde sie wenig später am Strandbereich des Dreiweiberner Sees von einem Mann mit einem Kampfhund angefeindet und bedroht. Der Mann kam zunächst auf die betroffene Person zu, schrie sie an und riss ihr einen entsprechenden Aufkleber von der Jacke. Zudem drohte er ihr mit Gewalt und damit, ihren Wohnort zu kennen.
Nachdem 2024 ein starker Anstieg der Angriffe im Öffentlichen Raum zu verzeichnen war (2023: 64, 2024: 154), lagen diese nun bei 132, also weiterhin mehr als doppelt so hoch wie vor zwei Jahren. Ebenfalls wie im Vorjahr fanden 25 der gezählten Angriffe auf oder im Umfeld von Demonstrationen statt, allein zehn davon in der Stadt Bautzen im Zusammenhang mit dem Christopher Street Day und mit Veranstaltungen der Initiative Happy Monday. Auffällig zugenommen haben Angriffe in Wohnungen bzw. dem Wohnumfeld (31, 2024: 19) sowie in Freizeit- und Jugendeinrichtungen (8, 2024: 2). So wurden Ende des Jahres drei alternative Wohnprojekte im Landkreis Zwickau und im Erzgebirgskreis angegriffen. In Wurzen war es neben gehäuften rassistischen Angriffen auch erneut zu so genannten Vehemenzfällen unterhalb der Gewaltschwelle gekommen: Nachbarn drangsalieren über Jahre aus rassistischen Motiven und üben damit eine besonders schwer erfassbare Form von Gewalt aus. Betroffene erleben ihr eigenes Zuhause als Ort konstanter Unsicherheit und Angst. Dieser anhaltende Stress manifestiert sich in einem hohen psychosozialen Belastungserleben. Weitere häufige Tatorte waren öffentliche Verkehrsmittel, Bahnhöfe und Haltestellen (zusammen 40 Angriffe).
21.04.2025, Dresden: In einer Straßenbahn beleidigte ein Deutscher zwei Libanesen (12 und 44 Jahre alt) rassistisch. Daraufhin schritten zwei andere Fahrgäste ein und forderten den Mann auf, weitere Beleidigungen zu unterlassen. In der Folge schlug der 45-Jährige auf die beiden ein und verletzte diese leicht.
26.07.2025, Chemnitz: Am Rande des Christopher Street Days zeigte ein Mann den Hitlergruß und beleidigte sowie bedrohte zwei Frauen in queerfeindlicher Weise.
24.12.2025, Limbach-Oberfrohna (Landkreis Zwickau): In der Nacht zum 24. Dezember kam es zu einem Angriff von Unbekannten auf den Infoladen „La Bombonera“, bei dem die Eingangstür durch den Einsatz von Pyrotechnik zerstört wurde. Personen wurden nicht verletzt. Der Angriff reiht sich in eine Serie von Sachbeschädigungen ein, bei der in den vergangenen Monaten u.a. Fensterscheiben eingeschlagen, die Heckscheibe eines im Hof abgestellten Autos mit einem Gullideckel zerstört sowie Briefkästen von Hausbewohner*innen beschädigt wurden. Zwei Wochen zuvor war zudem die Fassade des Infoladens mit einem Hakenkreuz und nationalsozialistischen Parolen beschmiert worden.
Tatmotive: Rassismus und Gewalt gegen politische Gegner*innen und Nichtrechte weiterhin Spitzenreiter
Von allen gezählten Angriffen hatten 49 % ein rassistisches Tatmotiv. Die Zahl liegt mit 143 nach einem Rückgang im Zuge der Covid-19-Pandemie inzwischen wieder auf dem Niveau von 2019 (138). Seit dem absoluten Höchststand von 2016 (306) hat sich die Anzahl der jährlichen rassistischen Angriffe zwar mehr als halbiert, wir müssen jedoch von einem hohen Dunkelfeld ausgehen, da es für Betroffene viele Hürden gibt, einen rassistischen Angriff zu melden. Noch immer fehlt zudem nicht selten die (An-)Erkennung des Tatmotivs seitens der Behörden. Umso wichtiger sind die Zählungen von Organisationen Betroffener, wie z.B. der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus, die gerade einen Bericht über antiziganistische Vorfälle in Sachsen 2023 und 2024 veröffentlicht haben.
30.01.2025, Dresden: Eine Frau hat eine Jugendliche (17) auf offener Straße geschlagen. Die 17-jährige Syrerin war in Begleitung weiterer Jugendlicher unterwegs. Die Unbekannte sagte etwas, das offenbar im Bezug zu den Kopftüchern der Begleiterinnen stand. Als die 17-Jährige nachfragte, wurde sie von der Frau geschlagen.
28.05.2025, Chemnitz: Ein unbekannter Mann stieß und bedrängte eine 56-jährige Frau unvermittelt auf offener Straße. Als sie sich mit einem Regenschirm zur Wehr setzte, entriss der Täter ihr diesen im Verlauf einer Rangelei und beleidigte sie mehrfach rassistisch. Erst durch das Eingreifen einer Zeugin ließ der Mann von der Frau ab und flüchtete. Die Frau erlitt leichte Verletzungen.
20.12.2025, Freiberg (Landkreis Mittelsachsen): Unbekannte warfen am Abend einen Pflasterstein durch das Fenster einer Wohnung im Erdgeschoss. Der Mieter ist syrischer Staatsbürger. Auf dem Stein befanden sich beleidigende Schriftzüge sowie ein Hakenkreuz.
Der Anteil von Angriffen auf Nichtrechte, also Personen, die schlichtweg aufgrund ihrer nichtrechten bzw. demokratischen Haltung angegriffen werden, und politische Gegner*innen liegt nach einem zwischenzeitlichen Rückgang wieder bei einem guten Drittel. Dabei haben sich die Angriffe auf Nichtrechte gegenüber 2022 fast verdoppelt. Dies führen die Opferberatungsstellen insbesondere auf gehäufte Angriffe auf eingreifende Zeug* innen oder auf Freizeit- und Jugendeinrichtungen zurück.
20.04.2025, Nossen (Landkreis Meißen): Zwei Männer beleidigten einen Libanesen mit rassistischen Worten. Die beiden Deutschen folgten ihm bis zu einer Bushaltestelle, wo sie ihn auch bedrängten. Hier wartete die Familie des Geschädigten. Bei der nun folgenden Auseinandersetzung griff ein deutscher Zeuge schlichtend ein, wurde aber leicht verletzt.
07.07.2025, Meißen: Unbekannte verübten einen Brandanschlag auf das Vereinsgelände "Buntes Meißen". Eine Hecke am Zaum wurde in Brand gesetzt. Bei den Löscharbeiten wurden rassistische Schmierereien entdeckt.
31.08.2025, Dresden: Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren haben in einer Straßenbahn einen 25-jährigen Mann angegriffen und verletzt sowie sein Handy beschädigt. Zunächst hatten die Tatverdächtigen gemeinsam mit weiteren Personen in der Bahn zwischen den Haltestellen »Hauptbahnhof Nord« und »Prager Straße« mehrfach verbotene Parolen skandiert. Als der mitfahrende Zeuge daraufhin die Polizei verständigte, wurde er auf dem weiteren Weg zum Postplatz aus der Gruppe heraus attackiert und geschlagen.
Von 25 auf 16 zurückgegangen sind gezählte queerfeindliche bzw. gegen LGBTIQ*-Personen gerichtete Angriffe. Hier sehen wir einen Zusammenhang zu zwei Faktoren: rechtsextreme Proteste gegen CSD-Demonstrationen gingen zurück, womit die Gefahrenlage grundsätzlich abnahm. Als Reaktion auf die Eskalationen 2023 und 2024 wurden von Organisator*innen, Teilnehmenden und zuständigen Behörden außerdem mehr Schutzmaßnamen ergriffen. Eine breit angelegte Umfrage unter Teilnehmenden der CSDs in Sachsen 2025 liefern ein Stimmungsbild zu den Auswirkungen rechter Gegenmobilsierungen auf die Sicherheit und das Ermächtigungsgefühl der Pride-Teilnehmenden.
Bei Sozialdarwinismus als Tatmotiv, der sich in erster Linie gegen Wohnungslose und Behinderte richtet, ist ebenfalls ein großes Dunkelfeld zu beachten. Zum einen wird ein solches politisches Tatmotiv aus Unwissen, Vorurteilen und Stigmatisierungen heraus seltener erkannt. Auch stellen Betroffene oft leichte Ziele für Angreifende dar, leben wenig geschützt und werden weniger unterstützt. Wohnungslose sind zudem schwerer zu erreichen und selbst bei mobilen Angeboten der Straßensozialarbeit liegen meist kaum Informationen vor. In ihrer erhöhten Verwundbarkeit sind sie zudem häufige Opfer tödlicher vorurteilsmotivierter Gewalt mit einer hohen Dunkelziffer. Seit 1990 zählte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe allein aus Presseveröffentlichungen knapp 300 wohnungslose Todesopfer durch nicht-wohnungslose Täter*innen, im selben Zeitraum sind 11 Todesopfer mit Behinderungen namentlich bekannt.
12.01.2025, Görlitz: Ein 19-Jähriger mit geistiger Beeinträchtigung wurde von 15 - 20 rechten Jugendlichen in der Wohnung eines Freundes überfallen. Im weiteren Verlauf der Tat wurde der Betroffene von mehreren Beteiligten beleidigt, bedroht, geschlagen und getreten. Zudem sollen Filmaufnahmen angefertigt worden sein.
Auch im Bereich Antisemitismus rechnen wir mit einem großen Dunkelfeld . Zudem liegen hier viele Vorfälle unterhalb der definierten Gewaltschwelle, z.B. Propaganda-Delikte, Volksverhetzung und Beleidigungen. Anhand von Nachfragen bei offiziellen Stellen teilte die Landtagsabgeordnete Juliane Nagel für 2025 mit, es habe zum dritten Mal in Folge über 200 angezeigte antisemitische Straftaten in Sachsen gegeben, darunter auch drei gefährliche Körperverletzungen.
„Unklar“ bleiben Fälle, wenn sie seitens der Polizei als PMK rechts eingeordnet, aber keine weiteren Angaben zum Tatmotiv gemacht werden.
Räumliche Verteilung
In den Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz kommen die meisten der gezählten Angriffe vor. In diesem Jahr reichen die Zahlen im Landkreis Bautzen erstmals an dieses Niveau heran. Anteilig zur Gesamtbevölkerung bildeten in diesem Jahr Chemnitz, Bautzen und der Landkreis Leipzig die Schwerpunktregionen.
Während die Angriffszahlen im Vergleich zum Vorjahr in Leipzig von 74 auf 51 deutlich und in Dresden von 54 auf 50 geringfügig sanken, erhöhten sie sich in Chemnitz deutlich von 26 auf 38 gezählte Angriffe. Hauptsächlich verantwortlich für den Anstieg waren Mitglieder und das Umfeld einer Mitte 2024 gegründeten Gruppierung junger Neonazis, die Anfang des Jahres v.a. Bedrohungen und Nötigungen, teilweise aber auch Raubdelikte und Körperverletzungen ausgeübt haben. Häufig hielt sich die Gruppierung an öffentlichen Orten in der Stadt auf, die dadurch für andere gefährlich wurden, oder suchten gezielt jugendkulturelle Orte auf. So sind Angsträume für alle potentiell Betroffenen entstanden. Die Angriffszahlen steigen in Chemnitz bereits seit mehreren Jahren. Im Berichtsjahr waren es 2,7 mal mehr als 2022. Deutlich mehr Angriffe (79) gab es nur 2018 aufgrund der damaligen rassistischen Ausschreitungen im Spätsommer.
16.02.2025, Chemnitz: Am Bahnhof Mitte kam es zu einem versuchten Neonaziangriff auf eine Transperson. Die Betroffene wartete an der Tramhaltestelle, als sie von einer etwa acht-köpfigen Neonazigruppe gesehen wurde. Die jugendlichen Angreifer*innen vermummten sich daraufhin und rannten auf die Person zu, der es jedoch noch rechtzeitig gelang mit ihrem Fahrrad zu flüchten.
Im Landkreis Görlitz wurden nach starkem Anstieg in den beiden Vorjahren zwar wieder weniger Angriffe gezählt (17), doch gegenüber 2022 liegt die Zahl immer noch fast dreimal so hoch. Auffällig ist ein eklatanter Anstieg im benachbarten Landkreis Bautzen um 62 % (42 Angriffe, 2024: 26). Einschüchterungen, Anfeindungen und Angriffe auf politische Gegner*innen, queere sowie migrantisierte Menschen, vor allem im Zentrum der Stadt Bautzen, gehen hier mutmaßlich von einer deutlich größeren Personengruppe aus als in Görlitz. Diese Personen sind zu einem nicht unerheblichen Teil noch nicht strafmündig. Zwar ist die Qualität der direkten Gewalt vergleichsweise niedrig, d.h. unter die gezählten Angriffe fallen im landesweiten Vergleich weniger Körperverletzungen als Bedrohungen und Nötigungen. In der Folge sind diese aus Beratungserfahrung jedoch nicht minder belastend. Mitunter erfüllen Bedrohungen und Nötigungen in rechten Dominanzräumen bereits ihr Ziel, worauf auch der weiter oben beschriebene Gesamtanstieg dieses Straftatbestandes hinweist.
12.12.2025, Bautzen: Eine Mitarbeiterin wurde in einem Jugendtreff von einer Gruppe Jugendlicher bedroht. Ca. zehn Jugendliche kamen plötzlich hinein, verängstigten die anwesenden Kinder und Jugendlichen und versuchten, den Betrieb zu stören. Darunter waren auch Personen, die bereits ein Hausverbot hatten. Die gerufene Polizei informierte, dass ein 15-jähriger deutscher Tatverdächtiger verbale Drohungen gegen die Angestellte ausgesprochen hat.
Im Landkreis Leipzig blieb die Zahl der Angriffe mit 22 erneut sehr hoch (2024: 23). Im Landkreis Meißen hielt sich mit 17 Angriffen die Zahl fast auf Vorjahresniveau, als sich die Zahl dort bereits versechsfacht hatte. Im Landkreis Nordsachsen stiegen die Angriffszahlen von 13 auf 15. In Taucha gibt es eine etablierte Neonaziszene aus den Spektren von Fußballfans und Kampfsport.
02.05.2025, Taucha: Ein neunzehnjähriger Mann aus einer neonazistischen Gruppierung und mit Kampfsporterfahrung griff einen Jugendlichen an und verletzte diesen dabei durch einen Augenhöhlenbruch schwer. Das Gericht sprach in der Verhandlung sogar von einer „das Leben bedrohenden Schwere“ dieser Körperverletzung. Diese schwerste von elf Straftaten, die der Gruppierung in einem Verfahren im Dezember 2025 zu Last gelegt wurden, bestrafte das Amtsgericht Eilenburg mit einer Jugendstrafe von zehn Monaten Gefängnis, ausgesetzt zu zweijähriger Bewährung.
Ähnlich dem Vorjahr lagen die Angriffszahlen auch im Erzgebirgskreis, der Sächsischen Schweiz/ Osterzgebirge und der Stadt Dresden. Im Landkreis Zwickau sank die Zahl nach zwei Jahren mit deutlichem Anstieg wieder auf 12 Angriffe. Ähnlich verhielt es sich in Mittelsachsen mit einem Rückgang um fast zwei Drittel von 18 auf sieben Angriffe. Ebenfalls einen Rückgang hat der Vogtlandkreis mit einem Angriff gegenüber vier im Vorjahr zu verzeichnen.
Bezogen auf die Einwohner*innenzahl bleibt die Verteilung der Angriffe in Sachsen weitgehend ähnlich verteilt. Die meisten Angriffe je 100.000 Einwohner*innen fanden jedoch nicht in den Großstädten Dresden (8,9) und Leipzig (8,3) statt, sondern in der Stadt Chemnitz (15,5), im Landkreis Bautzen (14,4) sowie auch im Landkreis Leipzig (8,5).
West- und Ostsachsen im Vergleich: verschiedene Wirkung verschiedener Wege
Am 22.01.2025 berichtete Spiegel TV aus Chemnitz über eine Demonstration der „Freien Sachsen“ am 18.01.2025, dem Tag der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres. Viele wurden infolgedessen auf das Problem Rechtsextremismus und rechte Gewalt aufmerksam, welches dadurch besprechbarer wurde. Als kurz darauf die Bar Balboa angegriffen wurde (s.o.), fasste die Polizei direkt nach der Tat bereits sieben Verdächtige, zum Teil minderjährig. Zuzurechnen waren sie der „Chemnitz Revolte“, einer Gruppierung junger Neonazis. Bei vierzehn Jugendlichen und jungen Erwachsenen kam es in der Folge zu Hausdurchsuchungen. Nach eigenen Aussagen führten Polizeibeamte zudem bei gut zwei Dutzend Jugendlichen und jungen Erwachsenen so genannte Interventionsgespräche im Beisein von Erziehungsberechtigten durch.
Insgesamt sind allein 2025 16 Straftaten erfasst worden, die dieser Gruppierung zugeordnet werden konnten. Auch stand der Verdacht der „Bildung bewaffneter Gruppen“ (§ 128 Strafgesetzbuch) im Raum. Die Gruppierung sollte laut Auskunft des Innenministeriums verboten werden, hatte sich aber wohl bereits selbst aufgelöst. Eine Hintergrundanalyse zu Chemnitz´ extremer Rechter im Jahr der Kulturhauptstadt hat das EFBI-Institut veröffentlicht.
Die Angriffe gingen im Verlaufe des Jahres stark zurück. Im regelmäßigen Austausch zwischen Polizei, Kriminalprävention und Zivilgesellschaft bestand schnell Einigkeit über die Gefahr einer weiteren, schnellen Eskalation der Gewalt. So ging die Polizei Hinweisen nach, wo sich junge Neonazis aufhielten und wo Straftaten im öffentlichen Raum beobachtet worden waren. Mit Präsenz an diesen Orten suchten sie, die Schwerpunkte unter Kontrolle zu bringen. Weitere Organisationen und Initiativen tauschten sich in den betroffenen Chemnitzer Stadtgebieten zur Lage aus und planten gemeinsam mit der Stadtverwaltung so genannte sozialraumorientierte Interventionen. Dazu gehörten Veranstaltungen im öffentlichen Raum, aber auch Fortbildungen für Fachkräfte, z.B. zu Prozessen von Radikalisierung, aber auch das Vermitteln passender Angebote für Schulen und offene Jugendarbeit, um mit straffällig gewordenen Jugendlichen zu arbeiten. Viele Aktivitäten konnten dank der intensivierten Vernetzung zwischen Verwaltung, freien Trägern und Ehrenamtlichen schnell und bürokratiearm umgesetzt werden.
Im Landkreis Zwickau wiederum ist nach einem starken Anstieg 2023 und 2024 ein Rückgang auf das Niveau der Jahre davor zu verzeichnen. Kooperationspartner*innen sprachen hier von weniger sichtbaren Gruppierungen junger Neonazis in der Öffentlichkeit. Mehrfach wurde das Problem in Austauschrunden zwischen Zivilgesellschaft, Stadtverwaltung und Polizei besprochen. Polizei und Ordnungsamt setzten wie in Chemnitz auf die Verdrängung der rechten Jugendgruppen aus dem Stadtbild, u. a. durch sich wiederholende Personenkontrollen.
Im Landkreis Görlitz wurden 17 Angriffe gezählt, die ebenfalls vor allem von jungen Personen aus der Neonaziszene verübt wurden. Nach einem Angriff auf politische Gegner*innen im Dezember 2024 machten vermutlich die verhältnismäßig zügig aufgenommenen Ermittlungen, umfangreiche Hausdurchsuchungen und eine lange Untersuchungshaft für eine zentrale Figur auf die Neonaziszene vor Ort Eindruck. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Die neonazistischen Aktivitäten werden von den Opferberatungsstellen als vorübergehend beruhigt bzw. auch in andere Regionen verlagert eingeschätzt. Einen erneuten Anstieg um 62 % stellen die 42 gezählten Angriffe im Landkreis Bautzen dar. Sie bewegen sich auf Großstadtniveau.
Bereits in den Vorjahren warnten die Opferberatungsstellen vor der wenig eingeschränkten rechten Raumnahme, v.a. in der Stadt Bautzen, die mit rassistischen Angriffen und solchen auf Nichtrechte und politische Gegner*innen einhergeht. Rechtsextreme Gruppierungen ziehen immer mehr und immer jüngere Jugendliche an. Erschwerend kommt hinzu, dass Ermittlungsverfahren schleppend vorangehen und dass Delikte seitens Behörden bagatellisiert werden. In der Begleitung von Zeug*innen und Betroffenen hörten Beratende vor Ort nicht selten, dass die rechten Gruppierungen sehr wohl polizeilich bekannt und bereits vorbestraft sind. Jedoch würden sie als „Rotzlöffel“, „Edeka-Jugend“ u.v.m. verharmlost werden, die vor allem selbst eine schwere Jugend hätten. Dabei kann zwar ein Verhältnis von 62% Nötigung/Bedrohung zu 29 % Körperverletzungs-Delikten als eine im Landesvergleich niedrigere Qualität der direkten Gewalt gesehen werden, wo das Verhältnis bei 53 % zu 41 % liegt. Vor dem Hintergrund der sich mutmaßlich weiter radikalisierenden Gruppierungen steht jedoch zu befürchten, dass die Qualität der Gewalt steigt. Erkennbar ist hier auch wie bereits oben beschrieben eine verstärkte Selbstverständlichkeit im von Bedrohungen geprägten Auftreten der Gruppierungen.
Nicht zuletzt durch den diskursiven Rückhalt mit rechten Mehrheiten im Kreistag scheint hier inzwischen eine besorgniserregende Strategie der Raumnahme erfolgreich vollzogen worden. Die Partnerschaft für Demokratie wurde für den Landkreis abgewählt. Initiativen wie Happy Monday werden aus dem Kreistag angefeindet und auf der Straße attackiert. Im Kreistag selbst bleiben zur Schau gestellte extrem rechte Einstellungen zu oft unwidersprochen. Die zivilgesellschaftlichen und städtischen Initiativen, die für ihr unermüdliches Engagement mit Zuwendungen und Preisen von außerhalb bedacht werden, sind deshalb umso wichtiger. Seit 2026 bietet eine neue gemeinsame Anlaufstelle der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, des Netzwerkes für Demokratie und Courage und der Opferberatung SUPPORT einen weiteren unterstützenden Anlaufpunkt für die vielen Engagierten vor Ort.
Die zwei Regionen Sachsens zeigten 2025 exemplarisch, welchen Unterschied gemeinsames, vernetztes Handeln der städtischen, zivilgesellschaftlichen und polizeilichen Akteur*innen machen kann und wie zentral das Ernstnehmen extrem rechter Gefährdungen und das konsequente Vorgehen dagegen sind. Die verschiedenen Perspektiven auf Problemlagen einzubeziehen, hat vielseitige Angebote für verschiedene Zielgruppen ermöglicht, verbunden in dem erklärten Ziel der rechten Raumnahme und der Gefahr der weiteren Radikalisierung etwas entgegenzusetzen.
Beratung Betroffener rechtsmotivierter und rassistischer Angriffe 2025
Der Bundestagswahlkampf bis zur Wahl am 23.02.2025 war geprägt von verkürzten Medienbeiträgen, während derer sich viele Kandidat*innen auf rassistische Weise gegen Migration bzw. für Abschiebungen Asylsuchender aussprachen. Am Tag nach der Bundestagswahl stellte dann die CDU/CSU-Fraktion in einer Kleinen Anfrage die unerlässliche Arbeit zahlreicher zivilgesellschaftlicher Organisationen politisch in Frage und löste damit eine breitere Diskussion aus. Beide Debatten wirkten sich bundesweit erschwerend auf Gefährdungslage und Beratungsarbeit aus. In Sachsen kamen unsichere Förderbedingungen erschwerend hinzu: Durch einen bis Juni fehlenden Landeshaushalt war u.a. die Beratungsarbeit bei SUPPORT bis dahin von starken Kürzungen betroffen. Geplante Stabilisierungsmaßnahmen nach den Mehrbelastungen der Covid-19-Pandemie und der danach stark angestiegenen Angriffszahlen konnten nicht ergriffen werden, stattdessen stemmten die Mitarbeitenden mit weniger Personal die weiterhin erhöhten Beratungsbedarfe.
2025 unterstützten, begleiteten und berieten die Beratungsstellen des Projektes SUPPORT beim RAA Sachsen e.V. in insgesamt 318 (2024: 397) Beratungsfällen. In diesen wurden 372 Menschen unterstützt, sowohl Betroffene als auch Angehörige, Freund*innen oder Zeug*innen. 58 % der unterstützten Personen, die Geschlechter angegeben hatten, waren Männer, 38 % Frauen und 5 % LGBTIQ*-Personen. 9 % der Beratenen mit Altersangabe waren minderjährig, 45 % waren zwischen 27 und 40 Jahren alt. Insgesamt waren 87 % Erwachsene bis 60 Jahre.
Ein Beratungsfall wird in der Jahresstatistik erfasst, sobald mindestens eine Unterstützungsleistung im Berichtsjahr erfolgt ist. In der Beratungsstatistik des RAA Sachsen e.V. werden Fälle, die durch den RAA Leipzig e.V. beraten werden, nicht berücksichtigt. In der Stadt Leipzig bieten sowohl der RAA Sachsen e.V. als auch der RAA Leipzig e.V. Beratung für Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt.
247 der 318 Beratungsfälle wurden im Jahr 2025 neu aufgenommen, während 71 aus den Vorjahren stammen. 120 der laufenden Beratungsfälle konnten abgeschlossen werden.
In 166 der 318 Beratungsfälle war ein rechtsmotivierter Angriff Anlass für Betroffene, Unterstützung zu suchen. 152 dieser Beratungsfälle hatten einen anderen Beratungsanlass:
Die 166 Angriffe, die Beratungsfällen zugrunde liegen, stammen nicht alle aus dem Jahr 2025. Es können ebenso Angriffe aus vergangenen Jahren sein, deren Betroffene jedoch noch immer von den Beratungsstellen unterstützt werden. Je nach polizeilicher Aufklärung, juristischer Verfolgung oder psychosozialem Unterstützungsbedarf kann sich ein Beratungsfall über mehrere Jahre erstrecken. Von diesen beratenen Angriffen:
fanden 104 im Jahr 2025 statt.
waren 97 Körperverletzungsdelikte, 44 Nötigungen/Bedrohungen, eine Tötung.
73 rassistisch motiviert, 48 richteten sich gegen politische Gegner*innen, 24 gegen Nichtrechte, 13 gegen LGBTIQ*-Personen, einer war antisemitisch und zwei sozialdarwinistisch motiviert.
Unterstützungsleistungen
Die Aufgaben der Opferberatungsstellen umfassen psychosoziale Beratungsgespräche sowie die Vermittlung und Begleitung zu Rechtsanwält*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen oder weiteren passenden Angeboten. Zudem bieten sie Unterstützung für Betroffene und/oder Hinterbliebene während Entschädigungsverfahren. Die Berater*innen stehen den Betroffenen im Strafverfahren bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zur Seite, begleiten sie zu Vernehmungen bei der Polizei oder zu Gerichtsverhandlungen und unterstützen sie bei der fallbezogenen Öffentlichkeitsarbeit.