Meldung 2. Oktober 2026

Bericht und Redebeitrag zur Einweihung des Gedenksteins für Mike Zerna in Hoyerswerda

Bei strahlender Spätsommersonne fand am 26. September 2026 die feierliche Einweihung des Gedenksteins für Mike Zerna in der Hoyerswerdaer Neustadt statt. 33 Jahre nach seinem Tod infolge eines Neonazi-Angriffs entsteht damit ein konkreter Ort der persönlichen Erinnerung und Anteilnahme, der ebenso Anstoß zur weiteren Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Dimensionen rechter Gewalt in der Region geben soll.

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Gemeinsam mit Angehörigen, dem Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh, Zeitzeug*innen sowie rund 40 weiteren Gästen wurde der Gedenkstein am ehemaligen Standort des Clubs „Nachtasyl“ in der Ziolkowskistraße im Rahmen einer Kundgebung eingeweiht. In der Nacht zum 20. Februar 1993 überfielen dort mehrere Dutzend Rechte die Gäste eines HeavyMetal - Konzerts und verletzten den erst 22-jährigen Mike Zerna so schwer, dass er wenige Tage später starb.

Nachdem anlässlich des 30. Todestages von Mike Zerna am 25. Februar 2023 erstmals eine öffentliche Kundgebung mit Angehörigen am damaligen Tatort stattfand und sich das gemeinsame Gedenken in den Folgejahren verstetigte, entstand die Idee für einen dauerhaften Gedenkort, um die Erinnerung an ihn und die Tat auch in Zukunft im Stadtbild wachzuhalten.

Die vom Leipziger Bildhauer Simon Bartha geschaffene Gedenkskulptur besitzt die Form eines aufgeschlagenen Buches, in dessen linke Innenseite die Inschrift „In Erinnerung an Mike und die Geschehnisse in der Nacht zum 20. Februar 1993“ eingraviert ist. Der unversehrten Buchseite ist die Darstellung herausgerissener Seiten gegenübergestellt, die den gewaltsamen Tod von Mike Zerna und den damit verbundenen Verlust für seine Familie und Freunde symbolisieren. Über einen QR-Code auf dem Sockel der Skulptur können Interessierte weitere Hintergrundinformationen zum Gedenkstein erhalten, der vom Demokratiezentrum des Landes Sachsen (gefördert von "Demokratie leben") sowie durch Spenden finanziert werden konnte.

Zu Beginn der Veranstaltung wurden die Anwesenden von Mike Zernas Bruder begrüßt, bevor seine Mutter persönliche Erinnerungen teilte und schilderte, wie der damalige Verlust ihres Sohnes bis heute in ihrem Alltag präsent ist. Anschließend sprach Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh den Angehörigen seine Anteilnahme aus und versicherte, dass das Gedenken an Mike Zerna und die Gewalt im Kontext der rassistischen Angriffe vom Herbst 1991 auch zukünftig als Verantwortung der Stadtgesellschaft ernst genommen wird.

Im weiteren Verlauf der Gedenkkundgebung wurde das Interview eines Zeitzeugen verlesen, der den Angriff auf das „Nachtasyl“ miterlebte und eindrücklich von den damaligen Ereignissen sowie dem Ausmaß und der Normalität rechter Gewalt zu Beginn der 1990iger Jahre in der Region berichtete. Zum Abschluss wurde die Tat in einem Redebeitrag von SUPPORT in einen breiteren historischen Kontext eingeordnet und auf die Kontinuität rechter Gewalt hingewiesen.

Wieland Köbsch begleitete die Einweihung musikalisch mit E-Gitarre und spielte Lieder, die Mike Zerna mochte und seine Angehörigen bis heute mit ihm in Verbindung bringen. Zum Abschluss legten viele Besucher*innen Blumen am Gedenkstein nieder.

Die Veranstaltung fand im Rahmen einer Gedenkwoche anlässlich des 35ten Jahrestages der rassistischen Ausschreitungen vom September 1991 in Hoyerswerda statt.

Wir danken den Angehörigen und allen weiteren Beteiligten, die zum Gelingen der Einweihung beigetragen haben, dem Oberbürgermeister Thorsten Ruban-Zeh und der Stadtverwaltung Hoyerswerda, die uns bei der Planung und Umsetzung des Gedenksteins zur Seite gestanden haben sowie Bildhauer Simon Bartha für seine Arbeit.

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Fotos: SUPPORT - RAA Sachsen e.V., Monaf Zarour

Redebeitrag von SUPPORT

Nachdem wir im Jahr 2022 durch unsere Kolleg*innen vom Verein Opferperspektive aus Brandenburg zum ersten Mal Kontakt zu Angehörigen von Mike Zerna herstellen konnten, öffnete sich für uns ein neues Kapitel in der Aufarbeitung der jüngeren Stadtgeschichte von Hoyerswerda. Hatten wir uns bis dahin vor allem mit den rasssistisch motivierten Ausschreitungen vom Herbst 1991 und deren Vorgeschichte beschäftigt, gerieten nun auch die Folgejahre in unser Blickfeld. Durch die Gespräche mit Frank und Gerda Zerna und das gemeinsame Erinnern an den vergangen Jahrestagen erhielten wir einen sehr persönlichen und unmittelbaren Eindruck von den damaligen Geschehnissen und den Auswirkungen, die sie bis heute haben.

Mit dem Überfall auf das „Nachtasyl“ und dem Tod von Mike Zerna eskalierte die rechte Gewalt in Hoyerswerda im Februar 1993 ein weiteres Mal – und unter den Tatbeteiligten befanden sich Personen, die bereits 1991 an den Angriffen auf die Wohnheime von Vertragsarbeiter*innen und Asylsuchenden beteiligt waren. Die Schilderungen von Bert Sergon, die wir eben gehört haben, zeugen von der Brutalität des Angriffs und dem damaligen Ausmaß rechter Gewalt, das für viele Menschen, auch über die Grenzen Hoyerswerdas hinaus, ebenso prägend gewesen sein dürfte, wie der September 1991.

Die Folgen für die zahlreichen unmittelbar Betroffenen und Zeug*innen des Überfalls, aber vor allem für die Familie und Freunde von Mike Zerna, die von einem Moment auf den anderen seinen Verlust unter diesen schrecklichen Umständen bewältigen mussten, sind nicht zu ermessen.

Mike Zerna, der von Angehörigen und Bekannten als ruhiger, liebenswerter und lebenslustiger Mensch beschrieben wird, war weder an politischen Debatten, noch an Schlägereien interessiert. Er kehrte nach seiner Schuhmacher-Lehre in seine Heimatstadt Vetschau zurück, bezog dort seine erste eigene Wohnung und hatte die Vision, ein ortsansässiges Geschäft zu übernehmen und gemeinsam mit seiner Freundin ein eigenes Haus auf dem Land zu beziehen. Seine Leidenschaft und darin folgte er seinem älteren Bruder, galt der Musik. Er fand Anschluss an die regionale HeavyMetal-Szene, sammelte Schallplatten, besuchte Konzerte und engagierte sich als Fahrer für befreundete Bands. Und dieser Umstand war es schließlich auch, der die beiden am 19. Februar 1993 nach Hoyerswerda führte.

Der damalige Angriff, auch das geht aus Schilderungen von Zeug*innen und dem Kontext der Tat hervor, war kein tragischer Einzelfall. Er steht exemplarisch für das gesellschaftliche Klima der Wendejahre, in dem sich eine bis dahin beispiellose Welle rechter Gewalttaten ereignete, die heute auch unter dem umstrittenen Begriff der „Baseballschlägerjahre“ ihren Ausdruck gefunden hat.

Im Schatten der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Umbrüche in Ostdeutschland etablierte sich damals eine rechtsradikale (Jugend-)Subkultur, deren Akteure zum Teil mit massiver Gewalt versuchten, ganze Landstriche zu dominieren. Hoyerswerda, die Stadt, die im September 1991 durch tagelange Randale „ausländerfrei“ wurde, galt als leuchtendes Beispiel für die Durchsetzung der eigenen Allmachtsphantasien mit dem Mittel brutaler Gewalt. Nicht nur hier folgten auf jene Ereignisse flächendeckende Organisierungsversuche militanter Neonazi-Gruppen sowie zahlreiche weitere rassistische Gewalttaten und Angriffe auf Andersdenkende, Asylunterkünfte, Jugendclubs und Diskotheken.

Zur Zielscheibe der oft noch jungen Täter konnte dabei jeder werden, der nicht „deutsch“ genug aussah, rechter Gewalt und neonazistischen Parolen widersprach, sich als Punk, Linker oder Alternativer zu erkennen gab oder einfach nur als „irgendwie anders“ auffiel. Auch das „Nachtasyl“ galt den hiesigen Neonazis als „alternativer“ Laden, dessen Besucher*innen sie als „Zecken“ diffamierten. Am Abend des 19. Februar 1993 wollten sie mit dem Überfall am das „Nachtasyl“ ein Exempel statuieren, nachdem sich herumgesprochen hatte, das sie dort, zumindest an diesem Abend, nicht erwünscht waren. Mike Zerna musste diesen sinnlosen Akt der Selbstjustiz mit seinem Leben bezahlen.

Der Schock über seinen Tod saß auch in Hoyerswerda tief. In zahlreichen Artikeln und Kommentaren, die in der Lokalpresse erschienen, drücken sich Fassungslosigkeit und Mitgefühl, aber auch Hilflosigkeit aus. Bezeichnend für die damalige Situation waren jedoch ebenso Äußerungen, in denen die politische Dimension der Tat vorschnell abgestritten oder kleingeredet wurde, obwohl die Sonderkommission Rechtsextremismus ermittelte und die Bezüge der Tatverdächtigen zur lokalen Neonaziszene unübersehbar waren.

Im Juli 1994, knapp 1,5 Jahre nach der Tat, wurden schließlich zwölf Angeklagte im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, denen eine Beteiligung am Überfall auf das „Nachtasyl“ nachgewiesen werden konnte, vor dem Landgericht Bautzen u.a. wg. schwerem Landfriedensbruch, Körperverletzung sowie fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Acht von ihnen erhielten Jugend- und Freiheitsstrafen von bis zu vier Jahren, die übrigen Mittäter kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Für die Angehörigen von Mike Zerna, die nach seinem Tod enorme Kraft aufwenden mussten, um ihren Alltag weiter zu bewältigen und von außen nur wenig Unterstützung erfuhren, war der damalige Prozess eine Zumutung. Sie besuchten die Verhandlungstage und versuchten über eine Nebenklage und öffentlichen Druck zur Aufklärung der Tathintergründe beizutragen, doch auf ihre schwierige persönliche Situation wurde vor Gericht kaum Rücksicht genommen. Stattdessen sahen sie sich mit Angeklagten konfrontiert, die aus ihrer rechten Gesinnung nach wie vor keinen Hehl machten und kaum Reue erkennen ließen.

Viele Fragen zum konkreten Tathergang und zur Rolle der einzelnen Beteiligten sowie zum Agieren der Polizei blieben schließlich ungeklärt und die milden Strafen, die am Ende des Prozesses verhängt wurden, blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Die lange Verfahrensdauer, der von den Tätern behauptete Alkoholkonsum und ihre, als besonders „schwierig“ charakterisierte Sozialisation in der Wendezeit, die ihren Anschluss zur rechten Szene begünstigt hätte – all das wurde in der Urteilsverkündung zu ihren Gunsten angeführt. Es ist bemerkenswert mit welcher Vehemenz rechte Gewalt damals entpolitisiert wurde und wie stark der Fokus auf die Täter gerichtet war, während Betroffene und Hinterbliebene kaum Raum bekamen, über ihre Perspektiven zu sprechen und nur wenig Solidarität erfuhren.

Spätestens mit der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 wurden der bundesdeutschen Öffentlichkeit die Folgen der Bagatellisierung rechter Gewalt in der 1990iger und 2000er Jahren in aller Konsequenz vor Augen geführt. Seit dem haben viele weitere Betroffene und Hinterbliebene den Mut gefunden über ihre Erfahrungen zu sprechen. Heute bestehen flächendeckende Beratungs- und Unterstützungsangebote und es wurden vielerorts spezifische Ansprechstellen bei Ermittlungsbehörden geschaffen sowie Kapazitäten ausgebaut.

All diese Fortschritte mussten politisch erkämpft werden. Sie stehen unter ständigem Beschuss von rechts und wir erleben, wie zivilgesellschaftliche Strukturen, Institutionen und Vereine ihre Arbeit aufgrund politischer Angriffe und finanzieller Kürzungen in den letzten Jahren wieder einstellen mussten oder um ihre Existenz kämpfen.

Wie wichtig diese Strukturen gerade in ländlich geprägten Regionen wie der Lausitz sind und wie frappierend die jüngsten Entwicklungen wieder an vergangene Zeiten erinnern, zeigt etwa ein Blick nach Altdöbern, dem Geburtsort von Mike Zerna. Dort zündeten zwei erst 15jährige rechte Jugendliche im Oktober 2024 das einzige verbliebene Kulturzentrum an. Die Betreiber*innen des „Kultberg“, die zum Tatzeitpunkt mit ihrem Kind und einem Bekannten nebenan schliefen, entkamen den Flammen nur knapp und verließen nach dem Vorfall die Region. Die Täter, die sich, wie so viele Jugendliche in den letzten Jahren, im Internet radikalisiert haben, wurden vor wenigen Wochen gemeinsam mit weiteren Angeklagten wg. Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und versuchten Mordes zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Ähnliche Vorgänge sehen wir in Cottbus, wo sich im etwa im Fußballstadion eine rechtsextreme Fankultur den Ton angibt und im Juli diesen Jahres zwei Neonazis Molotovcocktails auf das Wohnprojekt „Zelle79“ warfen. Oder auch in Bautzen und Umland, wo rechte Jugendgruppen immer wieder alternative und sorbische Jugendliche einschüchtern und angreifen. Rechte Bedrohungslagen sind in unserer Region nicht abstrakt, sondern nach wie vor Alltag. Gerade deshalb finden wir es umso wichtiger die Kontinuität rechter Gewalt aufzuzeigen und an die Opfer zu erinnern.

Wir freuen uns sehr, dass wir heute einen dauerhaften Gedenkstein für Mike Zerna einweihen können, um einen konkreten Ort der persönlichen Erinnerung und Anteilnahme zu schaffen, mit dem, so hoffen wir, gleichzeitig auch ein Anstoß zur weiteren Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Dimensionen rechter Gewalt in der Region gegeben wird.

Wir danken den Angehörigen für ihr Vertrauen bei diesem Vorhaben, für das Teilen ihrer Erfahrungen und Erinnerungen und für die Zusammenarbeit. Wir danken dem Oberbürgermeister Herrn Ruban-Zeh und der Stadtverwaltung, dass sie von Anfang ein offenes Ohr für uns hatten und uns bei der Planung und der Umsetzung zur Seite gestanden haben. Wir danken auch allen anderen Zeitzeug*innen, die uns ihre Geschichten erzählt haben und unser Vorhaben unterstützen.

Wir danken Simon Barta, dass er trotz des geringen Bugets, des engen Zeitrahmens und aller anderen Herausforderungen, die sich während des Prozesses ergeben haben, eine so hervorragende und tolle Arbeit gemacht hat.

Und wir danken schon jetzt Michael Pollack vom Lessing Gymnasium und allen Schüler*innen, die ihr Interesse ausgedrückt haben, sich weiter mit dem Schicksal von Mike Zerna und den weiteren Todesopfern rechter Gewalt sowie den Ausschreitungen vom Herbst 1991 beschäftigen zu wollen.

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