Neuigkeit 1. Oktober 2026

Gegen die Verdrängung der Opfer des Nationalsozialismus in Heidenau

Der Stadtrat von Heidenau hat am 24. September 2026 einen gemeinsamen Antrag von CDU und AfD beschlossen: Im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich sollen keine weiteren Stolpersteine verlegt werden. Die Sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und das Bündnis gegen Antisemitismus Dresden und Ostsachsen nehmen gemeinsam dazu Stellung.

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Erinnerung lässt sich nicht auf den Friedhof abschieben – Gegen die Verdrängung der Opfer des Nationalsozialismus in Heidenau

Der Stadtrat von Heidenau hat am 24. September 2026 mit 13 zu 6 Stimmen bei einer Enthaltung einen gemeinsamen Antrag von CDU und AfD beschlossen: Im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich sollen keine weiteren Stolpersteine verlegt werden. Stattdessen soll ein Gedenkort auf einem Friedhof entstehen, der das „Gedenken an die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und des Nationalsozialismus" ermöglichen soll. Die Stadtverwaltung hat dem Vorhaben widersprochen. Die bestehenden Stolpersteine an zwei Standorten bleiben zunächst erhalten. Die Sächsische Arbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und das Bündnis gegen Antisemitismus Dresden und Ostsachsen nehmen gemeinsam dazu Stellung:

Dieser Beschluss ist mehr als ein Streit um die Form des Gedenkens. Ein Gedenken an „die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und des Nationalsozialismus“ ebnet jeden Unterschied zwischen den Opfern ein. Es stellt die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Menschen mit im Krieg getöteten Wehrmachtsangehörigen auf eine Stufe. Es setzt die Insassinnen der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager mit denen von Kriegsgefangenenlagern gleich. Das erinnert an den von extrem rechten Akteuren benutzten Begriff des ‚Bombenholocausts'. Beides ist eine revisionistische und relativierende Aneignung der Geschichte, die der deutschen Schuldabwehr Vorschub leistet.

Nur vor diesem Hintergrund ist die Argumentation der CDU und AfD zu verstehen, die das Gedenken aus dem öffentlichen Raum verdrängen will. Sie bedient sich dafür in unzulässiger Weise einer realen Bedrohung. Stolpersteine werden vielerorts beschmutzt und beschädigt, weil die Erinnerung an die Opfer bekämpft wird. Diese Angriffe nun als Argument gegen die Verlegung selbst anzuführen, kehrt Täter und Betroffene um.

Stolpersteine erinnern an Menschen, die aus ihren Nachbarschaften fliehen mussten, vertrieben oder verschleppt wurden. Sie wurden aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, interniert und schließlich ermordet. Die Steine verankern die Erinnerung dort, wo diese Menschen zuletzt aus freien Stücken lebten, und damit in unser aller Alltag. Sie machen das Leben dieser Menschen und das abrupte Herausreißen daraus als spezifische Erfahrung sichtbar. Diese Form des Erinnerns soll in Heidenau künftig nicht mehr möglich sein. Wer das Gedenken auf den Friedhof verbannt, stellt das Sterben über das Leben und macht Opfer der Nazis, vor allem Jüdinnen*Juden sowie Sinti und Roma noch einmal unsichtbar.

Hoffnung macht, dass die Stadtverwaltung dem Beschluss klar widersprochen hat. Entscheidend ist aber die Zivilgesellschaft. Das Gedenken, das uns in Deutschland und auch in Sachsen heute selbstverständlich erscheint, ist aus zivilgesellschaftlicher Initiative entstanden. Der Beschluss erinnert an jene Anfänge voller Hürden in den 1980er Jahren, in denen schon einmal Stadträte darüber abstimmten, ob es in ihrem Ort ein Konzentrationslager gegeben habe und man daran erinnern müsse, oder nicht. Gedenken lebt auch heute vom Engagement vieler Menschen in Initiativen, Vereinen und Strukturen, die einen wesentlichen Teil der sächsischen Erinnerungslandschaft bilden. Erinnerung findet dort statt, wo Menschen sie organisieren, ganz gleich, was der Staat davon hält.

Es sind auch diese Menschen, die Geschichtsklitterung und Revisionismus widersprechen müssen und die eine nihilistische Gleichmachung jedes Leids nicht unwidersprochen lassen dürfen.

Wir stehen solidarisch an der Seite der Initiativen und Engagierten in Heidenau und an der Seite aller, die sich für die Verlegung von Stolpersteinen einsetzen. Alle Demokrat*innen, auch in der sächsischen CDU, müssen der geschichtsrevisionistischen Agenda der AfD entgegentreten, anstatt sich mit ihnen gemein zu machen. Diesen Vorgang schlicht zu einer kommunalpolitischen Angelegenheit zu erklären, verkennt in grob fahrlässiger Weise die Symbolkraft dieser erinnerungspolitischen Entscheidung. Wir müssen gemeinsam dafür einstehen, dass dies nicht der Anfang vom Ende post-nationalsozialistischer Erinnerungskultur wird.

Dresden/Leipzig, 1. Oktober 2026

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