Neuigkeit 27. Januar 2022

Stellungnahme anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldat*innen der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Von den ca. 1,3 Millionen vor allem jüdischen Häftlingen, die in der Zeit von 1940 bis 1945 in das Lager deportiert wurden, erlebten lediglich 7.000 die Befreiung. Bis zu jenem Tag hatten die Nationalsozialist*innen 900.000 Menschen in den Gaskammern ermordet. ...

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... Hunderttausend weitere erlagen den katastrophalen Bedingungen im Lager und gingen an Zwangsarbeit, Unterernährung und Krankheiten zu Grunde. Die Zeichen des Massenmordes waren für die Befreier*innen nicht zu übersehen: Die ausgemergelten Körper der Überlebenden, Millionen zurückgelassener Kleidungsstücke sowie Tonnen menschlichen Haares zeugten unmissverständlich vom Zivilisationsbruch, der sich ereignet hatte.[1]

Trotz des hohen Symbolwerts, den Auschwitz fortan als Sinnbild für die Vernichtungskraft menschenverachtender Ideologie und Propaganda besaß, dauerte es mehr als 50 Jahre, bis der 27. Januar durch Bundespräsident Roman Herzog zum „Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus“ erklärt wurde. In seiner Rede am 19. Januar 1996 mahnte Herzog daher auch zu Recht, dass der Gedenktag nicht als Pflichtübung oder Alibiveranstaltung verstanden werden dürfe. Vielmehr solle er den Bürger*innen als Anlass dienen, zumindest einmal im Jahr „über das damals Geschehene“ nachzudenken und die notwendigen Folgerungen daraus zu ziehen.[2] Als Bündnis gegen Antisemitismus in Dresden und Ostsachsen folgen wir diesem Ansatz und zeigen anhand der Geschichte der in Dresden und Ostsachsen als Jüdinnen* und Juden* Verfolgten exemplarisch auf, was sich hinter dem abstrakten Begriff des „damals Geschehenen“ verbirgt. Denn in unseren Augen ist dies der erste Schritt, um ein angemessenes Gedenken überhaupt erst möglich zu machen.

Die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurzelt in Sachsen schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Verleger und Publizisten wie der Dresdner Alexander Pinkert propagierten hier schon früher als in anderen Regionen des Reiches eine verschwörungsideologische Version des modernen Rasseantisemitismus, wonach der deutsche Mittelstand zwischen jüdischer Hochfinanz und jüdisch-marxistischer Arbeiter*innenbewegung zerrieben werde. Verbreitet durch die Strukturen der 1879 in Dresden gegründeten und zutiefst antisemitisch geprägten Reformpartei oder den Ersten Internationalen Antijüdischen Kongress, der 1881 in Dresden tagte, festigte sich ein völkisch-antisemitisches Milieu in Sachsen, das vor allem in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen Mobilisierungserfolge verzeichnete.[3]

Ebenso Produkt wie Vorreiter dieses Milieus war der Gauleiter der sächsischen NSDAP sowie späterer Reichsstatthalter und Ministerpräsident Sachsens, Martin Mutschmann, den Victor Klemperer gemeinsam mit dem Herausgeber des NS-Hetzblattes „Der Stürmer“, Julius Streicher, zu den „Nonplusultras“ des Antisemitismus zählte.[4] Schon im Vorfeld der nationalsozialistischen Machtübernahme machte Mutschmann keinen Hehl aus seiner Agenda. Er forderte nicht nur breite Berufsverbote für Jüdinnen* und Juden*, sondern auch gleich das Niederbrennen von Synagogen. Auf Mutschmanns „obsessiven Antisemitismus“, der sich nach der Machtübernahme nahtlos in eine rege Aktivität seiner Anhänger*innenschaft übersetzte, geht letztlich auch die Einschätzung zurück, dass man in Sachsen, wie der Historiker Mike Schmeitzner schreibt, „dem ‚Führer‘ in puncto Antisemitismus nicht nur ‚entgegen‘“ gearbeitet habe, sondern sogar versucht habe, ihm „bis 1945 immer wieder vorauszueilen.“[5]

Konkret zeigte sich das in der zum Teil gewaltvollen „Säuberung“ öffentlicher und privater Institutionen, noch bevor es im Zuge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 einen rechtlichen Orientierungsrahmen dafür gegeben hätte. Alfred Reucker, Generalintendant der Sächsischen Staatstheater Dresden, Fritz Busch, Chefdirigent der Dresdner Semperoper, und Karl Wolff, Dramaturg am Staatstheater Dresden, verloren bereits im März 1933 ihre Arbeitsverträge, weil sie als Juden oder „Judenfreunde“ galten. Ende März 1933 wurde allen Angestellten jüdischer Herkunft in der Dresdner Stadtverwaltung die Beurlaubung oder Kündigung ausgesprochen. Und auch der Verleger und Chefredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten, Julius Ferdinand Wolff, erklärte am 31. März unter dubiosen Umständen seinen Rücktritt, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Im Verlauf des Jahres entfalteten die „Säuberungen“ nochmals eine neue Dynamik: Neben acht Mitgliedern der Dresdner Staatstheater wurden z. B. neun Hochschullehrerende der Technischen Hochschule Dresden sowie 135 Angehörige der Landesverwaltung aus ‚rassischen Gründen‘ entlassen.[6]

Bei der Verdrängung der als Jüdinnen* und Juden* Verfolgten eilte Sachsen aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen voraus. Dafür lassen sich sowohl Belege finden für die erst ab dem 15. September 1935 im Zuge der Nürnberger Gesetze unter Strafe gestellte „Rassenschande“ als auch für die sogenannte Arisierung jüdischen Besitzes, die rund um die Novemberpogrome 1938 ihre rechtlichen Grundlagen erhielt: So produzierten Bautzner Nationalsozialist*innen einen Propagandaskandal, als sie am 21. August 1935 das Verhältnis einer jungen Frau mit dem Besitzer eines Schuhgeschäftes öffentlich machten, aus dem 1931 eine uneheliche Tochter hervorging. Während Alfred Kristeller den Folgen der Veröffentlichung durch eine Flucht nach Marienbad zu entgehen versuchte, wurde seine Tochter, selbst nach einer kurzzeitigen Inhaftierung ihrer Mutter und einem Umzug nach Leipzig, weiter vom Rassepolitischen Amt der Kreisleitung Bautzen verfolgt. Im Ergebnis wurde der evangelisch-lutherisch Getauften nicht nur der Besuch außerschulischer Veranstaltungen verboten, sondern auch die Teilnahme an der Konfirmation.[7] Dutzende weiterer Verfahren, die vor dem Landgericht Dresden wegen Verstößen gegen das „Blutschutzgesetz“ geführt wurden, bezeugen darüber hinaus, in welchem Ausmaß jüdische Bürger*innen gerade durch die Denunziation ihrer Nachbar*innen der Verfolgung ausgesetzt wurden.[8]

Mit welchem Druck die Enteignung jüdischer Unternehmen vorangetrieben wurde, macht der Fall der Dresdner Privatbank Gebr. Arnhold deutlich. Überzogen mit Wirtschaftsstrafverfahren verstarb 1935 der Seniorchef der Bank, Heinrich Arnhold, mit nur 50 Jahren, nachdem er aufgrund der anhaltenden Prozesse zwei Schlaganfälle erlitten hatte. Als sein Bruder Kurt sich 1937 noch immer weigerte, die Bank zu verkaufen, wurde er noch während der Verhandlungen in Haft genommen, um den Verkauf an die Dresdner Bank letztendlich zu erzwingen.[9] Dass der Kaufpreis jüdischer Unternehmen dabei mitnichten den Werten der Unternehmen entsprach, zeigt wiederum ein Fall aus Neudorf bei Bautzen. Hier erhielt der Besitzer einer Hartpappenfabrik, Dr. Ernst Altmann, weniger als 50 Prozent des geschätzten Verkaufswertes, bevor sein Vermögen von der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten Dresden gänzlich „sichergestellt“ wurde.[10] In welchem Ausmaß Unternehmer*innen von der „Arisierung“ betroffen waren, kann im Ansatz die folgende Zahl vergegenwärtigen: Allein von 1935 bis 1939 veranlasste die Industrie- und Handelskammer Dresden die Enteignung von 210 Gewerbebetrieben.[11]

Ihrer Unternehmen und Berufe beraubt, ihren Mitbürger*innen und Nachbar*innen gegenüber entrechtet und entfremdet, blieben vielen als Jüdinnen* und Juden* Verfolgten – neben der massenhaften Flucht ins Exil – lediglich die jüdischen Vereine und Gemeinden als letzte Rückzugsorte eines Gemeinschafts- und Kulturlebens. Doch auch diesen war kein langes Bestehen mehr beschert. Der Gesetzgebung des Reiches um einige Wochen voraus, veranlasste Mutschmann im März 1938 zunächst, das Vermögen jüdischer Stiftungen und Gesellschaften einzuziehen, bevor die verbliebenen Reste der materiellen jüdischen Gemeindestrukturen schließlich bei den Novemberpogromen von 1938 durch das Brandschatzen von Synagogen, Gebetsräumen und Friedhöfen vernichtet wurden.[12]

Was nun folgte, war der Übergang zum systematischen Terror. Durch Mutschmann bereits seit März 1938 propagiert und forciert, erfolgte durch verschiedene Gesetze und Weisungen der Jahre 1939/40 die schrittweise Ghettoisierung in sogenannten Judenhäusern. In Dresden waren davon ca. 1.200 Menschen betroffen, die sich fortan den Wohnraum von etwas mehr als 30 Häusern teilen mussten. Das bedeutete nicht nur ein beengtes Leben ohne jegliche Privatsphäre, sondern auch die Furcht vor ständigen Übergriffen. Allein im August 1942 soll die Gestapo ein Haus auf der Altenzeller Straße in Dresden neunzehnmal gewaltsam durchsucht haben.[13]

Zu diesem Zeitpunkt war der Schritt von der Verfolgung und Entrechtung zur Vernichtung bereits getan. In der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 1942 verließ der erste Transport mit mindestens 224 Männern*, Frauen* und Kindern den Güterbahnhof Dresden-Neustadt in Richtung des Ghettos Riga. Unter ihnen befand sich auch der 12-jährige Esra Jurmann aus Pirna, der die Brutalität von SS und Gestapo auf dem Sammelplatz später als „Vorgeschmack“ auf das Bevorstehende beschrieb.[14] Bis zum Kriegsende verließen noch mindestens zehn Deportationstransporte Dresden in Richtung Theresienstadt. Ein weiterer deportierte Anfang März 1943 mehr als 350 Personen, darunter die letzten Zwangsarbeiter*innen aus dem „Judenlager Hellerberg“, auf direktem Weg in das Vernichtungslager Auschwitz. Der Transport wurde unmittelbar nach seiner Ankunft selektiert.[15]

Als Dresden und Ostsachsen im Mai 1945 vom Nationalsozialismus befreit wurden, lebten nach Massenflucht, Vertreibung und Vernichtung nur noch 198 der schätzungsweise 8.000 durch die Nürnberger Gesetze als Jüdinnen* und Juden* Definierten im Regierungsbezirk Dresden-Bautzen. Ein wirklich aufrichtiges Nachdenken über „das Geschehen von damals“ muss die Erinnerung an all diese und Millionen weiterer Schicksale wachhalten. Das gilt heute mehr denn je, wo verharmlosende Vergleiche mit der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus aus einem weit verbreiteten Egoismus heraus für politische Zwecke instrumentalisiert werden. Dieser Geschichtsvergessenheit stellen wir uns als Bündnis gegen Antisemitismus deutlich entgegen. In Trauer und Anteilnahme mit allen Opfern des Nationalsozialismus.


Quellen:

[1] Vgl.: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, 2010: Auschwitz-Birkenau. Vergangenheit und Gegenwart, S. 8ff. Online unter: https://www.auschwitz.org/gfx/auschwitz/userfiles/auschwitz/historia_terazniejszosc/auschwitz_historia_i_terazniejszosc_wer_niemiecka_2010.pdf
[2] Herzog zitiert nach: Habermalz, Christiane, 2021: 25 Jahre Holocaust-Gedenktag. Erinnern für eine verantwortungsvolle Zukunft, online unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/25-jahre-holocaust-gedenktag-erinnern-fuer-eine-100.html
[3] Vgl.: Schmeitzner, Mike, 2016: Tödlicher Hass. Antisemitismus und Judenverfolgung in Dresden 1933-1945, in: Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, Jg. 10, Heft 19, S. 1f. Online unter: https://www.medaon.de/en/artikel/toedlicher-hass-antisemitismus-und-judenverfolgung-in-dresden-1933-1945/
[4] Klemperer zitiert nach Schmeitzner 2016: 4.
[5] Schmeitzner 2016: 4f.
[6] Vgl. ebd.: 6f.
[7] Vgl. Suttner, Irina, 2013: Juden in Sachsen während der Herrschaftszeit des Nationalsozialismus. In: Glöckner, Olaf; Ulbricht, Gunda (Hg.): Juden in Sachsen. Leipzig, S. 157f.
[8] Vgl. Schmeitzner 2016: 11ff.
[9] Vgl. ebd.: 14.
[10] Vgl. Suttner 2013: 163f.
[11] Vgl. Schmeitzner 2016: 13.
[12] Vgl. ebd.: 19f.
[13] Vgl. Goldenbogen, Nora, 1998: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Dresden nach 1938. Ein Überblick, in: Dresdner Hefte – Beiträge zur Kulturgeschichte, Jg. 14, Heft 45, S. 78ff.; vgl.: Schmeitzner 2016: 19, 23.
[14] Vgl. Jurmann, Esra, 2008: Vor allen Dingen war ich ein Kind. Erinnerungen eines jüdischen Jungen aus Pirna. Dresden, S. 32.
[15] Vgl. Goldenbogen: 81f.

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