Aktuelles zum Prozess gegen die "Gruppe Freital"

9. Mai 2017: 18. Verhandlungstag

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9. Mai 2017: 18. Verhandlungstag

Heute sagen zwei Geschädigte des Anschlags Wilsdruffer Straße als Zeugen vor Gericht aus. Beide treten im Verfahren als Nebenkläger auf. Sie schildern eindrücklich das Geschehen am Abend des Sprengstoffanschlags und dessen Folgen. Das Gericht zeigt außerdem ein Video, dass einer der beiden Zeugen wenige Minuten nach der Tat gefertigt hat. Es unterstreicht die Wucht der Detonationen.

Der Beginn der heutigen Hauptverhandlung verzögert sich zunächst um eine Stunde, weil die Angeklagte Maria K. über Unwohlsein klagt. Ein medizinischer Check stellt dann aber doch ihre Verhandlungsfähigkeit fest.

Der erste Zeuge und Nebenkläger war zum Zeitpunkt des Anschlags in der Wohnung auf der Wilsdruffer Straße untergebracht und berichtet vom Geschehen in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 2015. A. habe mit einem der drei anwesenden Mitbewohner in der Küche Karten gespielt. Er selbst habe dabei mit dem Rücken zum Fenster am mittig platzierten Küchentisch gesessen.

Sein Mitbewohner habe kurzzeitig den vielleicht vier mal vier Meter großen Raum verlassen, um einen anderen Bewohner zum Spielen dazu zu holen. Als er mit diesem zurück in die Küche gekommen sei, habe er auf einen Gegenstand am Fenster hingewiesen. A. sei daraufhin aufgestanden und sei bis auf etwa anderthalb Meter an das Fenster herangetreten, wo er eine Stange mit brennender Lunte entdeckt habe. Er habe in dem Moment angenommen, dass es sich um Dynamit handele. Der Zeuge habe sofort seine zwei Mitbewohner gewarnt und aus der Küche auf den Flur geschoben, ihm sei es noch gelungen die Tür zu schließen. Das sei alles sehr schnell gegangen. Dann habe es eine Explosion gegeben, bei der alle drei auf den Boden gefallen seien.

Nur wenige Augenblicke später sei der vierte Bewohner aus seinem Zimmer auf den Flur gekommen. Der sei am Auge verletzt gewesen und habe dort geblutet. In der Küche seien überall Glassplitter verteilt gewesen, auch im Flur hätten Splitter gelegen, da die Explosion die Küchentür aufgedrückt habe. Der Zeuge berichtet außerdem, dass in zwei weiteren Zimmern das gleiche passiert sei und die Fenster zerstört wurden. Aus einem der Zimmer sei dunkler Rauch in den Flur geströmt. Auch sein Zimmer sei betroffen gewesen, das sei sehr klein, das Bett habe dort den Großteil der Fläche eingenommen. »Wäre ich dort gewesen, wäre ich tot«, vermutet der Zeuge.

Ein Nachbar sei kurz darauf hinzugekommen und habe gesagt, sie sollten die Wohnung nicht verlassen. Der Zeuge berichtet, dass er in der Situation Angst gehabt habe, jemand könne »weitermachen«. Später sei dann auch die Polizei und ein Hausverantwortlicher eingetroffen. Nervlich sei er »kaputt« gewesen, so der Zeuge. Er habe nicht mehr stehen können, weswegen er auch in ein Krankenhaus gebracht worden sei. Der Zeuge berichtet auch von einer blutigen Verletzung an seinem rechten Bein, das Krankenhaus habe diese aber nicht bestätigen können, erklärt dazu seine Nebenklagevertreterin. Die Schmerzen hätten wohl eher eine psychosomatische Ursache.

A. berichtet weiter, dass sie nicht zurück in die Wohnung seien, sondern in ein Heim in Schmiedeberg verlegt worden seien. Etwa zwei Tage später hätten ihm erneut die Beine gezittert, so der Zeuge. Auch habe er das Gefühl gehabt, seine Beine nicht bewegen zu können. Deswegen sei er erneut im Krankenhaus untersucht worden. Später habe er immer wieder Schlafprobleme gehabt.

Der Zeuge berichtet zur Stimmung in Freital, dass es ab und zu böse Blicke und auch Beschimpfungen gegeben habe, etwa wenn er im Supermarkt einkaufen war. Nach der Rückkehr in die Wohnung habe es auch einen weiteren Vorfall gegeben, bei dem Leute über das Feld zum Haus gekommen seien und die Bewohner beschimpft und mit Flaschen beworfen hätten. Dem Wunsch in eine andere Unterkunft zu wechseln, hätten sie einem Verantwortlichen mitgeteilt, dem sei aber nicht nachgekommen worden. Mit seiner Anerkennung als Flüchtling habe er sich eine andere Wohnung gesucht, so der Zeuge. Auch heute habe er immer noch Angst, es könne etwas passieren.

Zum Abschluss seiner Vernehmung wendet sich A. direkt an die Angeklagten: »Warum haben sie das gemacht? Was haben wir falsch gemacht?«. Er und seine Mitbewohner seien vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet, sie hätten gehofft, hier in Frieden leben zu können. Eine Reaktion seitens der Angeklagten bleibt aus. Als der Zeuge den Saal verlassen hat, ergreift Justin S. das Wort: Er möchte sich bei allen Geschädigten entschuldigen. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters signalisiert er, dass er das auch direkt gegenüber den Betroffenen machen würde.

Nachdem der nächste Zeuge im Zeugenstand Platz genommen hat - Al. war ebenfalls vom Anschlag auf die Wilsdruffer Straße betroffen und tritt im Verfahren als Nebenkläger auf - äußert sich nochmals der 20-jährige Justin S.. Er möchte sich entschuldigen, die Taten seien durch nichts zu rechtfertigen, so Justin S., er schäme sich dafür und sei »naiv« gewesen.

Dann beginnt die nächste Vernehmung. Zeuge Al. berichtet er habe am Tattag zwischen 24 Uhr und 1 Uhr in der Küche gesessen. Er sei nochmal kurz in sein Zimmer, um ein Kartenspiel zu holen. Als er zurückkam, habe einer der beiden Mitbewohner in der Küche auf einen Gegenstand am Fenster hingewiesen. Sie hätten sich zu dritt Richtung Flur bewegt und dann habe es eine Explosion gegeben, so Al. weiter. Er habe in dem Augenblick nicht so recht begriffen, was da eigentlich passiert, alles sei sehr schnell gegangen. Er sei von einem Lichtblitz geblendet worden, dann sei er rücklings auf den Boden gefallen und zwischen Flur und Küche gelandet. Zuvor habe ihn, so seine Erinnerung, einer seiner Mitbewohner versucht auf den Flur zu schieben. Der habe auch versucht die Küchentür zu schließen, er wisse aber nicht, ob das gelungen sei.

Der Zeuge berichtet weiter, dass er drei Explosionen vernommen habe. Dann sei der vierte Mitbewohner aus seinem Zimmer gekommen, der habe eine Verletzung am Auge gehabt. Er selbst habe sich einen Glassplitter am rechten Fuß entfernt, außerdem habe er Probleme mit seinen Ohren gehabt. Später, etwa vier bis sieben Tage danach, habe er auch Probleme mit seiner Sehkraft bemerkt. Deswegen sei er bereits einmal bei einem Augenarzt gewesen, konnte dann aber den Termin nicht wahrnehmen. Zuletzt sei er bei einem Allgemeinmediziner gewesen, der ihn erneut an einen Augenarzt überwiesen habe. Der Zeuge berichtet auch, dass ihm sein Führerschein und Bargeld abhanden gekommen sei. Beides sei bei der Rückkehr in die reparierte Wohnung etwa vier Wochen später nicht mehr auffindbar gewesen.

Das Gericht zeigt mehrmals ein Video, dass der Zeuge direkt in den Minuten nach der Tat aufgenommen hat. Darin sind die zerstörten Fensterscheiben zu sehen. In den betroffenen Räumen liegen Glassplitter auf dem Boden und auf den Betten. Sie sind zum Teil handtellergroß. Zu hören ist außerdem, wie der Nachbar die Wohnung betritt und allen erklärt, nichts anzufassen oder zu bewegen. Das Gericht nimmt anschließend noch Tatortfotos in Augenschein. Die Aufnahmen unterstreichen die Wucht der Detonationen, in die Fensterrahmen sind zum Teil regelrecht Löcher hineingesprengt wurden.

Im Anschluss an die Vernehmung beantragt die Verteidigung des Angeklagten Rico K. die Verlesung eines Ausschnitts aus dem Protokoll der polizeilichen Vernehmung des Zeugen. Es gäbe einen Widerspruch zwischen seiner heutigen und der damals protokollierten Aussage. Der Zeuge habe heute einen anderen Aufenthaltsort für einen seiner Mitbewohner genannt, als es damals dokumentiert worden sei. Nach einer Beratung entscheidet der Senat, dass die Verlesung zulässig sei und nimmt die entsprechende Passage in das Gerichtsprotokoll auf. Die Verteidigung der Angeklagten Maria K. will einen weiteren Abschnitt protokollieren lassen. Im Protokoll der Polizeivernehmung heißt es, der Zeuge Al. habe Wasserpfeife geraucht, heute hat er jedoch ausgesagt, dass er selbst nie Wasserpfeife rauche, seine damaligen Mitbewohner aber schon. In einer Stellungnahme bezeichnet die Bundesanwaltschaft den Antrag als »relativ witzlos«, dennoch stimmt das Gericht nach kurzer Beratung zu. Offenkundig versucht die Verteidigung auf dieser Grundlage die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Frage zu stellen, obwohl dieser bereits darauf hingewiesen hat, dass es bei der polizeilichen Vernehmung Probleme mit der Übersetzung gegeben habe. 

Nachdem der Zeuge entlassen wurde, stellt die Verteidigung des Angeklagten Mike S. einen Beweisantrag. Sie wollen die damaligen Vernehmungsbeamten und Dolmetscher vorladen, um zu zeigen, dass der Zeuge Al. heute »die Unwahrheit« gesagt habe, insbesondere seine »Verletzungen übertrieben« habe und daher »unglaubwürdig« sei.

Der Nebenklagevertreter Hoffmann reagiert darauf mit einer kurzen Erklärung. Im Hinblick auf ein Geschehen, das sich innerhalb von 30 Sekunden abgespielt habe, seien Erinnerungsverschiebungen keinesfalls ungewöhnlich, erst recht nicht bei einem traumatisierenden Ereignis. Hinzu käme eine unzureichende Übersetzung bei der Polizei und außerdem die besondere Lebenssituation als Geflüchteter, in der ein Arztbesuch schon aufgrund der Sprachbarriere größere Probleme bereiten könne. Am Tatablauf an sich, lasse das aber keine Zweifel aufkommen. Insofern seien die Bemühungen der Verteidigung vor allem eines: Ein Sturm im Wasserglas.

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