Aktuelles zum Prozess gegen die "Gruppe Freital"

31. Mai 2017: 25. Verhandlungstag

veröffentlicht am

Drei Zeugen stehen heute auf dem Programm: Ein Ermittler der USBV-Gruppe des LKA Sachsen berichtet über seine Ermittlungen zu den verwendeten Sprengkörpern beim Anschlag Wilsdruffer Straße. Zum selben Tatkomplex wird außerdem ein Mieter des Hauses vernommen, dann folgt die Befragung eines Eritreers zum Anschlag Bahnhofstraße. Vielsagend über Vorurteilsstrukturen sind dabei die abschließenden Fragen einiger Verteidiger, die bei PoC offenbar Kenntnisse über Drogen voraussetzen.

Als erstes hört das Gericht den Zeugen F., der beim LKA Sachsen in der USBV (Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen)-Gruppe arbeitet und für die Bearbeitung von Explosionstatorten zuständig ist. Zum Anschlag Wilsdruffer Straße berichtet der Beamte, dass er am 1. November 2015 Bereitschafsdienst gehabt habe. Er sei in der Nacht über den Angriff auf die Wohnung Asylsuchender informiert worden und hätte sich dann zum Tatort begeben. Etwa eine Stunde später sei er dort eingetroffen.

Am Tatort angekommen, habe der Beamte mit der Vermessung und Absuche des Tatorts begonnen. Drei Sprengzentren konnten die Beamten im Erdgeschoss des Hauses feststellen. Dort seien drei Fenster angegriffen und massiv beschädigt worden. Sie hätten etwa 15 bis 20 cm große Durchschläge aufgewiesen: »Sie können da mit dem Arm voll durchgreifen«, erklärt F. Teilweise seien auch die Fensterrahmen durchschlagen und die Fensterscharniere herausgebrochen gewesen. Ein kleiner Teil der Fenstersplitter habe vor dem Haus gelegen, der Zeuge denkt aber, dass 80 bis 90 Prozent in der Wohnung gelegen hätten. Im Inneren der Wohnung seien vor allem in drei Zimmern großflächig Scherben festzustellen gewesen, allerdings nur sehr wenige Reste der Sprengmittel. Bei der Suche im Außenbereich habe der Zeuge und seine Kollegen zahlreiche Pappreste der Sprengmittel sichergestellt. Darunter auch Stücke auf denen sich noch eine geringe Menge eines Textilklebebands feststellen ließ.

Die Splitterverteilung sei auch durch die Bauart der Fenster bedingt, erklärt der Beamte. Das habe er sich aber auch erst von einer Fensterfirma erklären lassen müssen, da er in dieser Frage Laie sei. Die Fenster seien wegen der anliegenden Bundesstraße schallgeschützt gewesen und doppelglasig ausgeführt. Auf eine drei Millimeter starke Außenscheibe sei eine Klebefolie zur Lautstärkedämpfung aufgebracht gewesen, dann folgte die acht Millimeter starke Innenscheibe. Die Außenscheibe sei durch die Klebefolie stabilisiert worden und nur punktuell durchschlagen worden. Die Innenscheibe hingegen sei komplett herausgebrochen. Dabei seien die großen Splitter »einfach heruntergefallen«, die kleineren Stücke seien in die jeweiligen Räume geflogen. Der Zeuge schätzt ein, dass die Schallisolierung auch die Explosionswirkung gedämpft habe, die Folie habe »Kraft aufgenommen«. Er denkt auch, dass diese Isolierung für Laien nicht erkennbar sei, solange das Fenster nicht kaputt sei.

Die während der Befragung in Augenschein genommenen Tatortfotos zeigen, dass die Betten in den Schlafräumen direkt an der Wand stehen, in einem Fall mit dem Kopfende des Bettes nur 50 bis 70 Zentimeter vom Fenster entfernt.

Der Beamte vermute angesichts des Schadensbilds, dass die Sprengkörper schräg zwischen Fensterbrett und Fensterecke eingelegt worden seien. Lediglich beim mittleren Fenster habe die meiste Kraft auf das Fensterbrett gewirkt, dort sei eine »massive Eindellung« im Blech zu sehen gewesen. Möglicherweise sei der Sprengkörper dort anders abgelegt worden oder habe nicht in der Ecke gehalten, so die Vermutung des Sprengstoffexperten.

Eine eindeutige Identifizierung der Sprengkörper sei nicht möglich gewesen, da Beschriftungen entfernt worden seien. Das Schadensbild habe auf große Ausführungen von Sprengkörpern mit Perchlorat-Blitzknallsatz schließen lassen. Aus den Pappresten habe der Ermittler außerdem einen Ringabschnitt der verwendeten Sprengkörper rekonstruieren und so deren Durchmesser bestimmen können, die Wandstärke der Pappe habe weitere Hinweise auf die möglichen Sprengkörpertypen geliefert. Mit Hilfe der pyrotechnischen Sammlung des USBV-Dezernats, »vermutlich die größte in ganz Deutschland«, habe F. die verwendeten Typen aber eingrenzen können. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass entweder Viper-12- oder Cobra-12-Sprengkörper zum Einsatz gekommen seien. Da sei er sich »sehr sicher«, ein Cobra-6-Sprengkörper könne er nahezu ausschließen. Er schränkt jedoch ein, dass die Herstellung solcher Sprengkörper nicht einheitlich sei und teilweise verschiedene Varianten mit derselben Bezeichnung kursieren. Auch sei denkbar, dass ein Sprengkörper mit der Dimension eines Cobra-12 als Cobra-6 bezeichnet worden sei. Oft würden solche Sprengmittel in Hinterhofwerkstätten gefertigt.

Zu den Ausführungen des USBV-Spezialisten gibt es noch eine Reihe an Nachfragen. Sie zielen unter anderem auf die Sprengmittelsammlung des LKA. Der Zeuge erläutert, dass diese fortlaufend aktualisiert werde. Ein Kollege kaufe dazu regelmäßig, insbesondere auch zum Jahresende, Sprengkörper auf den Märkten in Polen und Tschechien, sowie im Versandhandel. Länger diskutiert wird auch die Frage eines möglichen Sichtschutzes hinter den Fenstern. Der Zeuge will einen solchen zumindest an einem der Schlafzimmer erkannt haben, die Innenaufnahmen zeigen jedoch keinen Vorhang oder etwas ähnliches. Der Beamte nimmt aber an, dass er ihn nicht entfernt hätte, ohne das zu notieren.

Eine weitere Frage ist die Personenbewegung im Tatortbereich. Während der Arbeit außen habe der Beamte einmal Bewegung in einem der Schlafzimmer wahrgenommen, er habe jedoch nicht sehen können, wer dort gewesen sei. Bei den Glassplittern im Flur habe er angenommen, dass diese durch die anschließenden Bewegungen der Bewohner dort hingelangt seien. Er und seine Kollegen hätten dort jedenfalls nur »oberflächlich« gesucht. Das sei für ihre Aufgabe auch nicht relevant gewesen.

Nach der zweieinhalbstündigen Vernehmung wird der Zeuge entlassen.

Im Anschluss vernimmt das Gericht Matthias R., der zum Tatzeitpunkt über der angegriffenen Wohnung in der Wilsdruffer Straße gewohnt hat. Der Zeuge schildert, dass er sich mit den Asylsuchenden gut verstanden habe. An dem fraglichen Abend sei er auch noch einmal in der Wohnung im Erdgeschoss gewesen. Diese habe er gegen 23 Uhr verlassen und sei dann nach oben ins Bett gegangen. Gegen 0:45 Uhr sei er von einem »heftigen Schlag« geweckt worden. Er habe drei kurz aufeinanderfolgende Explosionen wahrgenommen und eine »leichte Schockwelle« gespürt. Der Fußboden habe dabei gebebt.

Er habe sich angezogen und sei nach unten geeilt, wo er schon Schreie gehört habe. Er sei der Erste gewesen, der zu den Asylsuchenden gekommen sei. Er habe geschaut, ob jemand verletzt gewesen sei. Dann sei er erneut in seine Wohnung um sein Mobiltelefon zu holen und die Polizei zu verständigen. Das sei etwa fünf Minuten nach den Explosionen gewesen. Bis die Polizei eintraf, hätte er mit den Bewohnern der angegriffenen Wohnung im Treppenhaus gewartet, um keine Spuren zu verwischen. Er erinnert sich, dass die Bewohner aber Angst um ihre persönlichen Sachen gehabt hätten und eventuell ihre Telefone aus den Zimmern geholt hätten. Den Zustand der Asylsuchenden beschreibt er als »aufgelöst«.

Zunächst seien zwei Streifenpolizisten eingetroffen, später dann eine »Sondereinheit« für die Spurensicherung. Einer der Flüchtlinge, A., habe gut englisch gesprochen. Der habe ihm den Ablauf geschildert, Matthias R. selbst habe das den Beamten übersetzt. Ansonsten habe er seine Eindrücke geschildert. Eine direkte Vernehmung der Geschädigten habe er nicht gesehen, von den Bewohnern seien lediglich die Personalien aufgenommen worden.

R. erinnert sich auch an einen weinroten BMW, der auffällig langsam am Haus vorbei gefahren sei. Erst aus Richtung Wilsdruff kommend, dann in die entgegengesetzte Richtung. Im PKW habe er mehrere Personen sitzen sehen. Früher am Abend, als er bei den Geflüchteten in der Wohnung gewesen war, habe er auch drei oder vier Personen auf der Straße vorbei laufen sehen, die auch zum Haus herüber geschaut hätten.

Nachdem die Polizei am Tatort die Spuren gesichert habe und freigegeben habe, habe R. Fotos der Schäden gefertigt. Das rechte Fenster habe nur noch oben an einem Bügel für den Kippmechanismus gehangen, er habe das grob gerichtet und notdürftig gesichert, in dem er einen Schrank davor geschoben habe. Auch die anderen Fenster seien stark beschädigt gewesen. Teilweise habe es auch Schäden am Gemäuer gegeben. »Das hätte man sich so gar nicht vorstellen können«, beschreibt er seinen Eindruck zu den Explosionsfolgen. In einem Zimmer sei ein Vorhang samt Stange heruntergerissen gewesen und habe in der Mitte des Raumes gelegen.

Zum Abschluss der Befragung spielt das Gericht die Aufzeichnung des Notrufs ein. Nach insgesamt 40 Minuten entlässt das Gericht den Zeugen aus der Vernehmung.

Dritter Zeuge des Tages ist der 23-jährige A., der den Anschlag auf die Bahnhofstraße miterlebt hat. Seine Aussage wird von einem Dolmetscher übertragen. Darin schildert er recht knapp die Ereignisse des Tatabends. Nach dem Abendessen sei er und seine Mitbewohner, insgesamt acht Personen, ins Bett gegangen. Er sei in seinem Zimmer zusammen mit einem Mitbewohner gewesen. Später habe er eine laute Explosion vernommen. Diese habe das Küchenfenster zerstört und Glassplitter in Küche und Flur verteilt. Wo sich Splitter befanden, habe er später in einer Skizze bei einer polizeilichen Vernehmung eingezeichnet. Er erinnert sich, dass sowohl der Kühlschrank als auch der Herd offen gestanden hätten. Über der Tür, an der dem Fenster gegenüberliegenden Wand, habe es eine Beschädigung im Putz gegeben, die vor der Explosion noch nicht da gewesen sei.

Nach der Explosion seien sie erst aus ihrem Zimmer in den Flur und dann vor das Haus gelaufen. A. sagt, dass ihn die Explosion erschrocken habe und das er und seine Mitbewohner geschockt gewesen seien. Verletzungen habe er aber keine gesehen. Dann sei die Polizei eingetroffen und habe den Tatort untersucht und fotografiert.

A. berichtet auch von weiteren Vorfällen an der Wohnung. Schon einmal habe es eine Explosion gegeben, etwa drei Wochen vor dem Anschlag im September. In der Nähe des Fensters sei ein Sprengkörper explodiert, wodurch Rauch und Papierschnipsel eingedrungen seien. Draußen unter dem Fenster habe außerdem ein Kartonstück gelegen. Die Polizei sei bei diesem Vorfall aber nicht gekommen. A. erinnert sich auch an einen Vorfall mit Pfefferspray. Erst habe es geklingelt, dann habe jemand »Rauch« in die Wohnung gesprüht. Bei einem dritten Fall hätten etwa 13- bis 15-jährige Kinder Steine durch die Fenster der Wohnung geworfen. Sie hätten diese verfolgt, »festgenommen« und der Polizei übergeben.

Zum Abschluss der Vernehmung übernimmt RA Hollstein die schon bekannten Fragen von RA Kohlmann. Er fragt den Zeugen, ob er wisse was Drogen seien. Der Dolmetscher übersetzt seine Antwort mit: nein das wisse er nicht. RA Schieder will daraufhin wissen, ob er Kokain kenne. Auch das verneint der Zeuge. Als RA Sittner behauptet, in Eritrea werde doch großflächig Cannabis angebaut, intervenieren die Vertreter_innen der Nebenklage: Das sei eine gänzlich unbelegte Behauptung, außerdem sollten die Verteidiger überlegen, ob sie nicht ein Grundwissen voraussetzen, dass so nicht bei jedem Menschen vorhanden sein muss. Der Zeuge, er berichtet, dass er als orthodoxer Christ lebt, erklärt er interessiere sich nicht für das Thema und habe deswegen dazu kein Wissen. Dann endet die knapp einstündige Befragung.

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