Aktuelles zum Prozess gegen die "Gruppe Freital"

2. Juni 2017: 26. Verhandlungstag

veröffentlicht am

Vier Zeugen werden heute vernommen: Ein Nachbar berichtet über den Angriff auf das alternative Wohnprojekt in der Overbeckstraße im Oktober 2015. Außerdem wird eine Polizistin vernommen, die nach dem Anschlag Wilsdruffer Straße zuerst am Tatort war. Zwei weitere Zeugen aus Freital geben nur ihrer Personalien an und berufen sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht.

Der erste Zeuge Tobias S. berichtet über den Vorfall Overbeckstraße. Er habe in der Nacht des Angriffs bei seiner Freundin in der Wohnung übernachtet. Diese liegt im Haus neben der Overbeckstraße und dort im obersten Stockwerk. Der Zeuge berichetet, dass er von einem Knallen geweckt worden sei. Zunächst sei er liegen geblieben und habe sich nichts dabei gedacht, nachdem die Explosionen jedoch nicht aufgehört hätten, sei er aufgestanden und habe aus den Fenstern des Zimmers geschaut. Dabei habe er zum einen drei maskierte, schwarz gekleidete Personen wahrgenommen, die das Nachbarhaus mit faustgroßen Steinen beworfen hätten. Diese hätten an einem grünen Laster gestanden. S. habe eine Person klar sehen können, diese habe bei der Sache »scheinbar ihren Spass« gehabt, so sein Eindruck. Zwei weitere Personen habe er außerdem wegrennen sehen.

Die Rückseite des Hauses könne er aus den Fenstern kaum einsehen, außerdem sei es dunkel gewesen. Dennoch habe er auch hinter dem Haus eine Person entlang »huschen« sehen. Bei den Knallgeräuschen habe er damals an Granaten gedacht, wobei er heute aufgrund seiner Tätigkeit als Zeitsoldat wisse, dass eine Handgranate lauter sei. Dennoch ist er sich sicher, dass es keine normalen Silvesterböller gewesen seien, die da gezündet worden. Die Sprengkörper seien »druckvoll« detoniert.

Da er sich Sorgen um sein Auto gemacht habe, habe sich der Zeuge angezogen und sei nach unten gegangen. Als er die Straße betrat, seien drei Personen in Richtung Sternstraße geflüchtet. Bereits auf der Straße sei ihm der Gestank von Buttersäure aufgefallen, außerdem hätten dort Glasscherben gelegen. Er sei dann zu dem angegriffenen Haus gegangen und habe gesehen, dass dort Fenster eingeschlagen waren und abgeplatzter Putz herumgelegen habe. Er habe ein Frau an einem Fenster gesehen und kurz mit ihr gesprochen, sie habe zu ihm gesagt, er solle erstmal nach hinten kommen.

Er sei dann hinter das Haus gegangen, zunächst habe ihm niemand die Tür öffnen wollen. Die Leute seien zum Teil verängstigt gewesen, zunächst habe er fünf bis sechs Personen gesehen. Als die Tür geöffnet wurde, seien vielleicht zehn bis zwölf Leute auf einmal herausgekommen. Er habe sich kurz mit den Leuten verständigt. Gesehen habe der Zeuge auch, dass eine Person eine »Eisenstange« und eine andere einen »Baseballschläger« in der Hand gehalten habe. Die Polizei sei noch nicht gerufen worden, das habe Tobias S. dann selbst gemacht. Er hatte den Eindruck, das sei nicht gut angekommen, warum, wisse er aber nicht. Bevor er mit drei weiteren Personen nach vorn gegangen sei, habe er noch zwei Personen auf einem Balkon gesehen, die, obwohl »vermummt«, geraucht hätten. Schäden habe er dort nicht wahrgenommen, Tobias S. erinnert sich aber, dass er auf die Personen konzentriert gewesen sei und das Umfeld kaum wahrgenommen habe. Offensichtlich verletzte Personen habe er keine gesehen.

Der Zeuge habe dann an der Straße mit zwei jungen Frauen und einem älteren Herr, der wohl der Vater einer Person aus dem Haus gewesen sei, auf das Eintreffen der Polizei gewartet. Zwischenzeitlich habe sich S. erkundigt, was passiert sei. Dann sei ein Streifenwagen aus Richtung Washingtonstraße eingetroffen, ein weiterer aus Richtung Sternstraße. Die Beamten hätten sich einen Überblick verschafft und S. befragt. Er habe den in seiner Erinnerung »heftigen Angriff« geschildert. Seine Aussage sei aufgenommen worden und dann habe man ihm gesagt, dass er wieder hochgehen könne, was S. auch getan habe, da er am nächsten Tag arbeiten musste.

Von den Nachbarn selbst habe er einen guten Eindruck gehabt, dass seien »nette Leute« gewesen, die vor Partys auch immer alle schriftlich informiert und eingeladen hätten. Sie seien sehr offen gewesen und hätten mit ihm kein Problem gehabt.

Nach gut einer Stunde endet die Befragung und die nächsten beiden Zeugen werden im Sitzungssaal belehrt. Sandro M. und sein Bruder Kevin M. geben jedoch nur ihre Personalien an und berufen sich ansonsten auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht, da zumindest gegen Sandro M. Ermittlungen laufen. Sie werden kurz darauf entlassen.

Zum Abschluss wird die Zeugin Stefanie M. gehört. Die Polizeibeamtin war gemeinsam mit ihrem Dienstgruppenführer zuerst am Tatort Wilsdruffer Straße. Sie seien damals vom Lagezentrum über eine Detonation an einem Wohnhaus informiert worden. Sie hätten da schon geahnt, worum es ging, es sei schließlich in der Zeit gewesen, in der es in Freital »ein bisschen extremer« war.

Als sie am Objekt eintrafen, habe sie bereits Anwohner vor dem Haus stehen sehen, darunter denjenigen, der die Polizei informiert hatte. Es habe ein »riesiges« Detonationsfeld gegeben, weswegen ihr Kollege sofort die Spurensicherung und die USBV-Gruppe hinzugezogen hätte. M. habe sich um die Fotodokumentation am Tatort gekümmert. Dabei habe sie sich bemüht »spurenschonend« vorzugehen und den Tatort unverändert zu lassen. Außerdem habe sie geschaut, wer als Zeuge in Frage komme und habe sich auch mit um die Sicherung des Gebäudes gekümmert.  Das sei durch die Sprachbarriere nicht einfach gewesen, weil die Bewohner sehr aufgeregt gewesen seien und nicht verstanden hätten, dass sie die Räume nicht betreten durften. Sie hätten sie letztlich in einen der Straße abgewandten Wohnraum gebracht. Bei einem der Bewohner habe die Beamtin leichte Schnittverletzungen an der Stirn festgestellt.

Im Inneren, erinnert sich die Beamtin, habe es vor der Küche und dem linken Wohnraum ein Splitterfeld gegeben, das bis in den Vorraum gereicht habe. Sie habe den Eindruck gehabt, dass das »richtig aus den Türen« heraus gekommen sei und sich bis in eine Entfernung von fünf bis sieben Metern verteilt habe. Sie denkt nicht, dass das per Fuß »herumgetragen« worden sei. Das könne bei einzelnen Splittern passieren, aber nicht in der »Masse«, wie sie am Tatort vorzufinden gewesen sei. Aufgrund der Explosionsschäden habe sie vermutet, dass es sich bei den Fenstern um »sehr gute Fenster« gehandelt haben müsse, denn sie seien nicht komplett gesplittert gewesen, obwohl stellenweise sogar »Mauerwerk« herausgesprengt worden sei.

Nach der knapp halbstündigen Vernehmung nimmt das Gericht noch Fotos der Geburtstagsparty von Kevin M. in Augenschein. Dann endet der heutige Prozesstag.

Die Hauptverhandlung wird am 13. Juni 2017 fortgesetzt.

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