Aktuelles zum Prozess gegen die "Gruppe Freital"

10. Mai 2017: 19. Verhandlungstag

veröffentlicht am

Das Gericht hört heute drei Zeugen. Zwei Geschädigte berichten zum Anschlag auf die Wilsdruffer Straße und bestätigen im wesentlichen die bereits getroffenen Aussagen des Vortags. Ein Polizeibeamter erzählt außerdem von den Ergebnissen der Observation des PKWs von Timo S. mit Hilfe eines GPS-Senders.

Der Prozesstag beginnt mit der Vernehmung des Nebenklägers H. Der Zeuge schildert seine Erinnerungen an die Nacht vom 31. Oktober zum 1. November 2015 in der Wilsdruffer Straße. Er erinnert sich, dass zu Halloween ein paar seiner Mitbewohner nach Dresden gefahren seien, H. sei mit drei Mitbewohnern in Freital geblieben.

Er erzählt, dass er mit einem Mitbewohner Karten gespielt habe. Da er müde geworden sei, hätte ein anderer Mitbewohner in das Spiel einsteigen sollen. Er habe ihn dazu geholt und sei anschließend in der Küche zum Kühlschrank gegangen, um noch etwas zu essen. Der Kühlschrank habe direkt neben dem Fenster gestanden und beim Schließen der Tür habe H. eine »Dynamitstange« mit Zündschnur gesehen. Zunächst habe H. vermutet, es handele sich um einen Streich. Sein Mitbewohner habe sich den Sprengkörper ebenfalls angeschaut und dann sofort reagiert. Er habe sie aus der Küche in den Flur gedrückt und die Küchentür geschlossen. Ein oder zwei Sekunden später habe es eine Explosion gegeben. Der Zeuge berichtet, dass er hinter der Wand zur Küche gestanden und die Ohren zugehalten habe.

H. berichtet, dass es insgesamt drei Detonationen gegeben habe, alle in sehr kurzer Abfolge. Danach sei der vierte Mitbewohner aus dem Zimmer links der Küche auf den Flur getreten. Er sei am Auge verletzt gewesen und habe leicht geblutet. Nach einer oder zwei Minuten sei der Nachbar zu ihnen gekommen und habe die Polizei verständigt. Zu den Nachbarn seien die Beziehungen sehr gut gewesen, man habe sich vom gemeinsamen Grillen gekannt, ergänzt der Zeuge.

Die Polizei sei dann auch eingetroffen, die Kommunikation sei aber kompliziert gewesen. H. habe den Ablauf in englisch geschildert, der Nachbar wiederum habe das der Polizei übersetzt. Die Situation sei aber unübersichtlich gewesen. H. berichtet außerdem, dass auch im Flur Splitter gelegen hätten. Die Explosion habe die Küchentür aufgedrückt. Diese sei zwar geschlossen gewesen, könne aber mit einem richtigen Stoß geöffnet werden, erinnert er sich. An größere Schäden an der Küchentür könne er sich nicht erinnern, er habe sie aber auch nicht genau angeschaut, erklärt er auf Nachfrage.

Der Mitbewohner A. habe über Probleme mit seinen Beinen geklagt. H. vermutet aber, dass das eine psychische Ursache gehabt habe. Er selbst sei nicht verletzt gewesen, allerdings sei er psychisch stark belastet gewesen. Sie hätten zu dritt nach Schmiedeberg ziehen müssen, der vierte Mitbewohner sei in Dresden geblieben. In Schmiedeberg seien sie aber sehr isoliert gewesen. H. habe sich deswegen sehr unsicher gefühlt. Der Zeuge erwähnt auch einen weiteren Krankenhausbesuch A.s, er habe erneut über Beinschmerzen geklagt, woraufhin er geröntgt worden sei.

Nach der Rückkehr in die reparierte Wohnung habe H. versucht so oft wie möglich Freunde in Dresden oder Sebnitz zu besuchen, um nicht in Freital sein zu müssen. Er habe etwa drei bis vier Monate auf seine Anerkennung als Flüchtling gewartet, dann habe er sich sofort bemüht aus Freital wegzuziehen. Bei der Rückkehr in die Wohnung habe sein Mitbewohner Al. auch das Fehlen von Dokumenten und Bargeld erwähnt.

Zum Abschluss seiner Vernehmung fragt der Zeuge die Angeklagten, warum sie die Wohnung angegriffen haben. Als Flüchtlinge seien sie auf der Suche nach Sicherheit gekommen, so H. weiter. Justin S. wendet sich daraufhin direkt an den Zeugen und entschuldigt sich für seine Taten, die durch nichts zu rechtfertigen seien. Er hoffe, dass H. sein Leben in Ruhe fortsetzen könne. Auch Patrick F. ergreift das Wort und entschuldigt sich. 

Der Vorsitzende Richter Fresemann gibt Patrick F. zu bedenken, dass eine Distanzierung von den Gruppenzielen entscheidend sei, auch im Hinblick auf die beantragten Hafterleichterungen. Patrick F. erwidert jedoch nur, dass das Thema nach der Haft »für ihn durch sei«. Klare Worte zur rechten Tatmotivation und eine entsprechende Distanzierung bleibt Patrick F. aber schuldig.

Als nächstes berichtet der Zeuge Alh. ebenfalls zum Komplex Wilsdruffer Straße. Er habe am Tatabend in seinem Zimmer auf dem Bett gelegen und telefoniert. Sein Bett habe gegenüber den Zimmerfenstern gestanden. Auf einmal habe es eine Explosion gegeben, er habe einen Blitz wahrgenommen, dann sei die Scheibe heruntergefallen und überall im Raum hätten Splitter auf dem Boden gelegen.

Er sei dabei sowohl im rechten Auge, als auch knapp daneben verletzt worden. Er habe starke Schmerzen gehabt. Alh. habe dann unter Schock und mit Angst das Zimmer verlassen. Auf dem Flur seien seine drei Mitbewohner gewesen. Später sei die Polizei eingetroffen, er habe aber nicht mehr viel mitbekommen, da er Angst um sein Auge gehabt habe. Deswegen sei er ins Krankenhaus gebracht worden, dort hätten sie ihm Augentropfen gegeben, die die Schmerzen gelindert hätten. Später sei er noch einmal deswegen im Krankenhaus gewesen. Der Zeuge denkt, dass er Glück gehabt habe, da sein Bett recht weit weg vom Fenster gestanden habe und beide Fenster mit einer Gardine verhangen gewesen seien.

Er habe dann auch in Schmiedeberg gewohnt und habe später in die Wohnung nach Freital zurückkehren müssen. Dort sei er aber fast nur noch gewesen, um seine Post abzuholen, ansonsten habe er bei einem Kumpel in Dresden gewohnt. Auch heute habe er immer noch Angst, trotz der langen Zeit seit der Tat. Alh. macht deutlich, dass er mit so einer Tat nicht gerechnet habe.

Zum Abschluss spricht Justin S. den Zeugen an und entschuldigt sich bei ihm. Alh. möchte von ihm wissen, warum sie ihm das angetan haben, sie hätten in Freital nur in Frieden leben wollen. Das sei seine Hoffnung gewesen. Eine Antwort bekommt er jedoch nicht. Patrick F., der sich ebenfalls entschuldigt, antwortet auf die Frage nur: »Das lässt sich im Nachhinein nicht erklären.« Dann wird der Zeuge entlassen.

Der dritte und letzte Zeuge ist der Polizeibeamte M. Er arbeitet beim OAZ und hatte den Auftrag die Bewegungen des PKWs von Timo S. auszuwerten, der mit einem GPS-Sender observiert wurde. Seine Arbeitsgrundlage seien die Rohdaten des Senders im Excel-Format gewesen, das Gerät selbst habe er nicht in den Händen gehalten. Vom zuständigen Sachbearbeiter sei ihm der Zeitraum vom 31. Oktober bis zum 1. November 2015 vorgegeben worden. Er habe aus den Rohdaten die entsprechenden Daten herausgefiltert, insgesamt seien das reichlich 1000 Datensätze gewesen, die Angaben zum Zeitpunkt, Datum und Geoposition in Dezimalgrad enthalten hätten.

Daraus habe er Bewegungsbilder und Kartenmaterial für die Akte erstellt. Das Ergebnis sei gewesen, dass der PKW von Timo S. aus Richtung Tschechien den Real-Parkplatz angesteuert habe. Dort habe es bis 21:36 Uhr gestanden. Er habe das als Tatort 1 in einer Karte markiert. Anschließend sei der PKW zur ARAL-Tankstelle gefahren und dort bis 22:07 Uhr geblieben. Dann sei der PKW in die Nähe der Wohnanschrift von Timo S. gefahren und habe dort bis 23:46 Uhr gestanden. Gegen Mitternacht sei das Fahrzeug erst im Bereich Kleinnaundorf festgestellt worden, anschließend sei es zum Tatort 2 in der Wilsdruffer Straße gefahren. Dort sei es zweimal vorbeigefahren, anschließend habe es von 0:19 Uhr bis 0:49 Uhr in etwa 200 Meter Entfernung vom Tatort gestanden. Der Beamte erklärt, dass das Fahrzeug erst zum McDonalds bewegt worden sei und dann mehrfach zwischen Tatort und ARAL-Tankstelle, sowie in der Umgebung des attackierten Wohnobjekts. 2:00 Uhr sei das Fahrzeug letztmalig an der ARAL-Tankstelle festgestellt worden, dann habe es sich in die Nähe der Wohnanschrift von Timo S. bewegt und sei dort abgestellt worden.

Nach der Befragung des Beamten endet der heutige Prozesstag.

Bericht der Nebenklage

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