Die folgende Chronik informiert über rechtsmotivierte und rassistische Aktivitäten in Sachsen. Genannt werden nicht nur Übergriffe, sondern auch Propagandadelikte und Veranstaltungen wie Demonstrationen und Konzerte. Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Da sich Betroffene oft aus Angst vor weiteren Einschüchterungen weder an die Polizei noch an die Beratungsstellen wenden, gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus. Nicht gelistet werden Übergriffe, von denen wir zwar Kenntnis erlangt haben, die aber aus Gründen der Vertraulichkeit nicht veröffentlicht werden.  Die Vorfälle können nach Landkreisen gefiltert betrachtet werden.

2820 Einträge in der gesamten Chronik

: Chemnitz (Stadt Chemnitz)

Neonazis versuchten in alternatives Projekt einzudringen

In der Nacht vom 05. zum 06.08. versuchte eine Gruppe augescheinlich alkoholisierter Neonazis unter lauten Parolen in den Hof des alternativen Wohn- und Kulturprojekts "Kompott" einzudringen. Durch den hierdurch ausgelösten Alarm ließen die Angreifer von ihrem Vorhaben ab und flüchteten mit dem PKW.

Quelle: Kooperationspartner

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: Pirna (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge)

Mann beklebt Bushaltestelle mit rechten Aufklebern

Ein 47-jähriger Mann wurde am Samstagabend von der Bundespolizei gestellt, als er eine Bushaltestelle mit mehreren Aufklebern beklebte. Auf den Aufklebern, die an diesem Abend auch in anderen Stadtbereichen verklebt wurden, war eine Madonna mit einer Maschinenpistole in der Hand sowie der Schriftzug "Defend the Occident, Das Abendland" abgebildet.

Quelle: Polizei, Presse

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: Dresden Pieschen / Strehlen (Stadt Dresden)

Erneut Leichenumrisse geschmiert

In der Nacht auf Freitag haben Unbekannte einen Leichenumriss auf den Fußweg vor der Landesgeschäftsstelle der Partei Die Linke geschmiert. Daneben sprühten sie ein Totenkreuz und den Schriftzug "Eure Schuld Reutlingen". Ein weiterer mit brauner Farbe gemalter Leichenumriss wurde am S-Bahn-Haltepunkt Dresden Strehlen gefunden. Hier waren außerdem Zettel mit der Aufschrift "Migration tötet" hinterlassen worden.

Quelle: Polizei, Presse

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: Leipzig (LK Leipzig)

 
 Erneut rechte Schmierereien
 
In Dresden machen fremdenfeindliche Täter weiter mit makaberen Zeichnungen gegen Flüchtlinge Stimmung. Wie die Partei Die Linke mitteilte, wurde in der Nacht zum Freitag vor einem Gebäude, in dem auch deren Landesgeschäftsstelle ist, der Umriss einer Leiche mit weißer Farbe gesprüht. Dazu hatten Unbekannte den Schriftzug „Eure Schuld Reutlingen“ auf die Straße geschmiert. In der baden-württembergischen Stadt hatte am 24. Juni ein bereits anerkannter Asylbewerber seine Freundin umgebracht und mehrere Menschen verletzt. Die Polizei vermutet eine Beziehungstat.

Außerdem wurde am S-Bahn-Haltepunkt Dresden-Strehlen ein in brauner Farbe gemalter Leichenumriss entdeckt. Mit roter Farbe wollten die Täter zudem Blut simulieren. Einen entsprechenden Bericht von Radio Dresden bestätigte die Bundespolizeiinspektion Dresden auf Anfrage. Die aufgemalten Leichenumrisse sind jenen nachgeahmt, wie sie an Tatorten von den Kriminalisten angefertigt werden.

Vorfälle auch in anderen Teilen Sachsens

Seit etwa zwei Wochen sind solche Zeichnungen an Bahnhöfen im Landkreis Leipzig, Chemnitz, Heidenau, Königstein und Dresden wiederholt aufgetaucht. Die Täter verteilten rote Flüssigkeit, die wie Blut aussieht, um die vermeintlichen Tatorte. An einigen Umrissen legten sie außerdem Zettelchen aus, auf denen Parolen wie „Migration tötet“ standen. Die Bundespolizei schaltete deswegen den Staatsschutz ein, der für politisch motivierte Taten zuständig ist.

Vor dem sächsischen Landtag wurden Ende Juli vier Männer erwischt, während sie menschliche Konturen aufsprühten. Nach Angaben der Polizeidirektion Dresden bekannte sich die „Identitäre Bewegung“, eine rechtsextreme Strömung, zu den asyl- und fremdenfeindlichen Angriffen. Sie marschiert auch regelmäßig bei der islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung mit.

Die sächsischen Linken haben seit Jahresbeginn 34 Anschläge auf Büros, Übergriffe auf Wohnungen und Infostände sowie Bedrohungen von Mitgliedern registriert. Dazu gehörten 29 Sachbeschädigungen, 25 davon an Abgeordnetenbüros, wie die Partei mitteilte. Die meisten Vorfälle gab es im Landkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge.

LVZ

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: Leipzig (Stadt Leipzig)

Erinnerungstafeln zerstört

 
Nicht nur für viele Leipziger waren die 21 Tafeln in der Straße des 18. Oktober eines der interessantesten Projekte des Fotografiefestivals f-stop, das vom 25. Juni bis 3. Juli in Leipzig stattfand. In Wort und Bild wurde hier an die Fotografin Gerda Taro erinnert, eine Jüdin und überzeugte Sozialistin, die in Leipzig lebte und 1933 vor den Nazis nach Paris floh. In der Nacht zu Donnerstag wurden die Tafeln zerstört, mit schwarzer Teerfarbe überpinselt. Die Täter haben sich keine Mühe gegeben, die Spuren zu verwischen. Im Gras sind noch Farbkleckse zu sehen. Es musste offenbar schnell gehen.

Eine Schande

„Eine Schande ist das“, sagt Brunhilde Büttner. „Ich fand es großartig, wie man hier etwas über eine außergewöhnliche Leipzigerin erfahren konnte.“ Vor einigen Wochen sei sie ganz nah ran auf die Wiese gegangen und habe sich alles genau angesehen, erzählt die 89-Jährige, die sich an Krücken fortbewegt. Eine Heldin sei Gerda Taro gewesen, die am 26. Juli 1937 im Spanischen Bürgerkrieg ums Leben kam. Sie war einen Tag zuvor während eines Angriffs der deutschen Legion Condor von einem Panzer überrollt worden. Bis zuletzt hatte sie das Grauen des Krieges dokumentiert; ihre Fotos erschienen in verschiedenen Zeitungen. „Sind meine Kameras gut aufgehoben?“, sollen ihre letzten Worte gewesen sein.

Taro wurde 1910 in Stuttgart als Gerta Pohorylle geboren, zog 1929 mit der Familie nach Leipzig. Die junge Frau wehrt sich gegen den um sich greifenden Antisemitismus. Auf dem Weg zu einer Tanzveranstaltung verteilt sie Flugblätter gegen die Nazis, im März 1933 wird sie verhaftet, kommt aber nach kurzer Zeit wieder frei und setzt sich mit einer Freundin nach Frankreich ab. In Paris lernt sie im September 1934 den ungarischen Fotografen André Friedmann kennen und lieben, wird seine Schülerin. Beide erfinden sich im Exil neu. Er nennt sich nun Robert Capa, sie Gerda Taro.

Capa wurde einer der bedeutendsten Kriegsfotografen – und auch ihn führte der Weg nach Leipzig. Berühmtheit erlangte neben vielen anderen sein Foto „Der letzte Tote des Krieges“, das den gefallenen US-Soldaten Raymond J. Bowman in Leipzig in der Jahnallee 61 zeigt.

Gerda Taros Beerdigung am 1. August 1937 auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris wurde zu einer Demonstration gegen den Faschismus. Tausende folgten ihrem Sarg, angeführt von Pablo Neruda. Wenig später geriet sie jedoch weitgehend in Vergessenheit. 1970 wurde in Leipzig eine Straße nach ihr benannt. Sie liegt nur gut 100 Meter entfernt von dem Ort, wo jetzt die Tafeln beschmiert wurden.

Polizei ermittelt

Auch Peter Hinke, Leiter der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, ist entsetzt über die Zerstörung. Er kommt dort jeden Morgen auf dem Weg zum Kindergarten vorbei. „Das war eine richtig gute Sache in einer Stadt, in der viele vielleicht nicht so viel mit der Person Gerda Taro anfangen konnten.“ Einer Intuition folgend habe er mehrere Aufnahmen von den Tafeln gemacht – bevor die Vandalen sie zerstörten. Wie es nun an der Straße des 18. Oktober weitergeht, ob die Tafeln womöglich erneuert werden, ist unklar. Die Macher des Fotofestivals f-stop waren am Donnerstag nicht zu erreichen. Die Polizei gehe des Sache nach, sagte eine Sprecherin.

Von Jürgen Kleindienst

LVZ

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